DER BLOG

Wachgeküsst

25.Mär 2016

Teil 18 des Blogs Road to Wonderland aus Australien: „Wachgeküsst“
WAHNSINN
DER DORNRÖSCHEN-EFFEKT

 

WAHNSINN
Die Reise im Camper entlang der australischen Ostküste ist ein phantastisches Abenteuer. Glücklich bin ich allein unterwegs. Das Alleinsein ermöglicht mir eine bisher unbekannte Bewusstheit – genauso wie die täglich neuen Erfahrungen und der grandiose Umstand, keinen Terminkalender zu haben. Obwohl ein neuer Eindruck unmittelbar auf den nächsten folgt, fühlt sich das Leben entspannt an. Als Bob Marley im Radio „No woman, no cry“ singt, mache ich daraus intuitiv „No Outlook, no cry”. Ein durchgetakteter Tag muss natürlich ab und zu sein, wenn man etwas erreichen will. Keine Frage. Doch wo hört effiziente Arbeitsorganisation auf und beginnt der Wahnsinn der Postmoderne? Mich beunruhigt ein wenig, dass ich keine klare Antwort darauf finde. Die klassische Antwort, dass jeder Mensch einzigartig ist und daher seine eigenen Lösungen finden muss, bringt mich jetzt nicht fundamental weiter. Auf meinem 3.000km langen Trip von Sydney nach Cairns habe ich ausreichend Zeit, über diese spannende Frage nachzudenken…besser: nachzufühlen. Als erster Mosaikstein rückt der Freiraum in mein Blickfeld. Der natürliche Fluss des Lebens hat die charakteristische Eigenschaft, Überraschungen parat zu haben, die ein spontanes Handeln erfordern. Entweder um Probleme zu lösen oder um Gelegenheiten nutzen zu können. Dafür braucht man Freiräume: Entscheidungsspielräume, freie Zeiten, Wahlmöglichkeiten. Der etymologische Ursprung des Wortes ist unge­wiss. Eine vermutete Wurzel von Freiheit ist das germanische „fri-halsa“. Das ist jemand, „dem sein Hals selbst gehört“ und der daher über seine Person selbst frei verfügen kann. Auf den Punkt gebracht: Selbstbestimmtheit. Auf Outlook & Co. bezogen: Allein das Nicht-Vorhandensein zeitlicher Freiräume ist stressauslösend, selbst wenn es keine Überraschungen gibt. Stress ist nie gut. Stress ist der Anti-Fernet-Branca: „Man sagt, er habe zerstörerische Kräfte.“ Ich spreche laut und versuche zu verstehen, welche Bedeutung diese magischen Worte auf mich haben: „Freiräume. Freie Zeiten.“ Mich überfällt eine heftige Gänsehaut. Um Freiräume zu haben, muss (!) man Verzicht üben, gezielt Nein sagen und aushalten, dass der herausstechende Farbtupfer der deutschen Kultur „Leistung bringen“ dann eben nicht zu 100% erfüllt wird. Selbst auf meiner Reise um die Welt höre ich manchmal aus dem Off unbekannte Stimmen rufen: „Du fauler Hedonist machst Dir einfach einen gechillten Lenz und schaukelst Dir kreativ die Eier, während alle anderen brav weiterarbeiten.“ Natürlich habe ich 1.000 gute Gründe für diese Reise, und sie stellt sich als die beste Entscheidung meines Lebens heraus. Gleichwohl höre ich diese anonymen Stimmen der Gesellschaft ab und zu, die mich magisch in mein Hamsterlaufrad und meine alte Komfortzone zurückziehen wollen. Ich höre diese Stimmen, doch sie beherrschen mein Bewusstsein nicht. So lautet zumindest mein frommer Wunsch. Einige wenige Zuschriften erreichen mich mit einem verächtlichen Unterton „Na ja, wenn Du sowas nötig hast…“ oder „Was für eine verantwortungslose Flucht…“ und erhöhen die Lautstärke. Die Macht der sozialen Bewährtheit „Ich will das tun, was andere auch tun.“, um das Gefühl der Zugehörigkeit zu haben, ist immens. Sie wirkt auch auf mich. Egal. Mein Leben, meine Verantwortung. Ich bin kein angepasstes Schaf, sondern ein freier Mann. Wie lässt sich diese Erkenntnis in den deutschen Arbeitsalltag umsetzen? An erster Stelle steht die Emanzipation vom zum Selbstzweck mutierten Dogma der Leistungserbringung um der Leistung willen – und die Akzeptanz der Konsequenzen: Weniger Ziele zu erreichen, indem ich mich auf die wirklich wichtigen Dinge fokussiere. Weniger Geld auf dem Konto…zumindest vorerst…wer weiß, welche Möglichkeiten sich durch die neuen Freiräume ergeben. Nicht immer für jeden da sein, sondern auch angemessen für selbst sorgen und dabei ein reines Gewissen zu haben. Nur das verbindlich versprechen, was ich auch wirklich halten kann. Die innere Bereitschaft, bisherige Prioritäten flexibel anpassen zu können. Persönliche Arbeitsorganisation: Sofern ein Tag nicht durch eine Veranstaltung komplett belegt ist, probiere ich aus, mir ein Drittel eines Tages freizuhalten. Und einen kompletten Tag pro Woche reserviere ich mir als flexiblen Freiraum, um handlungsfähig zu bleiben. Wenn alles eng durchgetaktet ist, bin ich nicht mehr handlungsfähig. Ich will spontan selbstbestimmt sein können. Das ist für mich Freiheit.

Lektion: Freiräume wollen genommen werden.

Fragen für Dich:

- Wo verläuft bei Dir die Grenze zwischen Leistung und Wahnsinn?

- Wie könntest Du Dir Freiräume schaffen?

- Welche Überzeugungen müsstest Du dafür über Bord werfen?

 

DER DORNRÖSCHEN-EFFEKT
Aber da ist noch mehr, spüre ich: Die Freiheit von geistigen Besitzständen und Überzeugungen, die nicht meine sind. Die Freiheit der zu sein, der man ist. Die Freiheit, mir auszusuchen, wo, wie und mit wem man leben möchte. Die Freiheit, sich seinen Beruf, seinen Job selbst auszusuchen. In dem Moment, in dem ich mir erlaube, dieses Gesamtpaket für mich zu akzeptieren, schnürt sich kurz die Kehle zu. Ich spüre den Unterschied, von ein bisschen und vollkommen Verantwortung zu übernehmen. Auf einmal fühle ich mich wie Captain Kirk, weil aus dem Nichts unendliche Möglichkeiten entstanden sind. Alles ist veränderbar, nichts in Stein gemeißelt. Alles ist möglich. So geht loslassen fast automatisch, als Nebenprodukt der Freiheit… der Selbstbestimmheit…und der Bereitschaft, Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen. Ein weiteres Bild taucht auf: Freiheit und Verantwortung sind wie Liebe oder Schwangerschaft – ja oder nein, all in or out, digital (1/0). Ich merke, wie all das im Bewusstsein ankommt. Krass. Ein letztes Aufbäumen der vermeintlichen Vernunft des kritischen Eltern-Ichs: „Na, ob Du das nicht eines Tages bereuen wirst, diese Büchse der Pandora aufgemacht zu haben…“ Nee, nicht bereuen. Zum Preis kommen sicher noch Komponenten hinzu, die ich jetzt noch nicht abschätzen kann. Interessant, bei der emotionalen Zahlungsbereitschaft scheint es auch nur 1 oder 0 zu geben. Ich spüre den Wunsch, das Kleingedruckte vorher lesen zu wollen und lese dort zu meinem Erstaunen unter §8 „Das Leben ist unbestimmt. Akzeptiere das oder mache Dir als Kontrollfreak selbst das Leben schwer. Deine Entscheidung.“ Okay. Die Konsequenzen der Freiheit gehen weit über den aktuellen Augenblick hinaus. Jetzt bedeutet das nur, mir weniger Zeit für den Blog und andere Themen zu nehmen, die auch „irgendwie“ wichtig sind. Ich will mehr Freiräume, um mich auf die Schönheit des Augenblicks im Hier und Jetzt einzulassen. Verzicht. Loslassen. Erst dann kann ich mich einlassen. Auf einmal verstehe ich: Freiheit ist nicht gratis. Freiheit hat einen Preis. Immer. Manchmal einen hohen Preis, einen sehr hohen Preis. Aber eben nur manchmal. Was kann denn wirklich Schlimmes passieren? Alles halb so wild, merke ich. Gedanklich zücke ich meine Visakarte und nehme mir meine Freiheit.

Ich fühle mich wachgeküsst. Was für ein Dornröschen-Effekt. Steckt nicht in jedem von uns steckt ein Dornröschen, das wachgeküsst werden will? Vielleicht mache ich einen neuen Workshop daraus: „Sleeping Beauty Wake-up-Programm“.

Lektion: Freiheit – all in. Rechnung kommt.

Fragen für Dich:

- Welche Freiheiten möchtest Du Dir nehmen?

- Was könntest Du durch diese Freiheit gewinnen?

- Welchen Preis bist Du bereit dafür zahlen?

- Reicht das?

 

Ilja Rep - Dein Coach für Freiheit und Entfaltung.

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Doc Happinez