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Ausdehnung

01.Apr 2016

Teil 20 des Blogs Road to Wonderland aus Australien: „Ausdehnung“
FEUERTEUFEL
GELBE SEITEN
MACH, DASS DU LAND GEWINNST

FEUERTEUFEL
Auf dem Weg zum nächsten Campingplatz begleiten mich hier und dort Rauchschwaden. Buschfeuer. Die Luft ist rußgeschwängert. Ein bisweilen beißender Duft von verkohltem Holz liegt in der Luft. Die Feuerherde scheinen sich in sicherem Abstand zur Straße zu befinden. Kurz vor dem Erreichen des Ziels fahre ich an einem brennenden Waldstück vorbei. Der Feuerteufel in mir kann nicht anders, als anzuhalten und sich dieses eindrucksvolle Naturschauspiel anzuschauen. Die Hitze ist enorm. Es knistert, brennt, funkt. Ein Mann sitzt in unmittelbarer Nähe zum Feuer auf einem Klappstuhl und liest entspannt eine Zeitung. Ich frage ihn, was hier los sei. Er erklärt mir, dass er das Feuer absichtlich gelegt habe. Alle 7-12 Jahre müsse man alles abfackeln, um den Boden zu düngen und um freien Entfaltungsraum zu schaffen. In mir bricht sich ein kurzer ökologischer Aufschrei seine Bahn und fragt, was denn die Kröten und Juchtenkäfer dazu sagen, in ihrem Habitat gegrillt zu werden. Dieser Gedanke kommt mir schnell sehr kleinkariert vor. Vermutlich ein Reflex aus Kindheitstagen, als ich zu viel Barbapapa geschaut hatte. Neues zu erschaffen erfordert zwangsläufig loslassen. Auf die Notwendigkeit der schöpferischen Zerstörung hatte bereits Schumpeter hingewiesen: Manchmal muss man Altes „richtig“ loslassen, ohne Rückfahrkarte. Ein Waldstück zielgerichtet abzufackeln passt gut in dieses Bild. So sickert langsam ins Bewusstsein, dass loslassen auch eine digitale 1 oder 0 Entscheidung ist. All In or out. Und dass man die Zerstörung des Status-quo eben einfach aushalten muss – egal wie laut der Bewahrungsinstinkt meines Komfortzonenmanagers auch Alarm schlagen mag. Wenn ich nur „irgendwie“ loslasse und mir ein Hintertürchen offenhalte, bleibe ich meiner alten Welt gefangen. Tief in mir drin weiß ich ja, was für mich bestimmt ist, was ich in meinem Leben haben will und was nicht. Einige mentale Trampelpfade halten sich noch immer hartnäckig. Die knöpfe ich mir dann eben einzeln vor und sorge für klare Verhältnisse: „Willst Du nicht, also lass es.“ Brandrodung, eine schöne Metapher für meine Reise um die Welt. Auf einmal empfinde ich den brennenden Wald nicht mehr als bedrohliche Zerstörung, sondern als entstehenden kreativen Freiraum, dessen Schönheit mich verzaubert und meine Phantasie anregt. In Veränderungssituationen finde ich die Frage „Was wird dadurch möglich?“ tröstend und motivierend zugleich. Die neue Freiheit wirkt auch bedrohlich, wenn ich spüre, wie sich ein vertrautes Halteseil nach dem anderen löst. Ich fühle mich wie eine Marionette, die zum ersten Mal selbst laufen lernt. Zumindest mir fällt Loslassen leichter, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf die neuen Möglichkeiten richte. Es geht übriges nicht um einen undifferenzierten Flächenbrand, sondern um gezieltes Abfackeln: „Will ich das noch oder kann das weg?“ Mich lässt die Frage nicht los, was ich in meinem Leben noch abfackeln muss, um vollends loszulassen und frei zu sein. Etwas abzufackeln bedeutet für mich, einen klaren, endgültigen, unmissverständlichen Schlussstrich unter bestimmte Themen zu ziehen. Schon wieder diese 1-0-Perspektive. In meinem Bewusstsein hat sich noch ein anderer Gedanke hartnäckig eingenistet: Macht es vielleicht sogar Sinn, alle 7-12 Jahre das eigene Leben komplett neu zu erfinden? Eine klare Zäsur zu machen und einen Neuanfang zu beginnen? Allein schon deshalb, um beweglich, anpassungsfähig und geschmeidig zu bleiben und sich nicht von starren Vorstellungen beherrschen zu lassen? Natürlich nicht aus Prinzip, aber als Vorschlag. Entfaltung braucht Freiraum und kein undurchdringliches Dickicht. Ich lasse diese frischen Ideen noch ein wenig nachwirken. Eine weitere Erkenntnis bricht sich ihre Bahn ins Bewusstsein: Loslassen ist keine einmalige Aktion, sondern eine laufende Lebensaufgabe, jeden Tag aufs Neue. Überall und immer wieder gibt es Schlingpflanzen, die mich unmerklich umgarnen und festhalten wollen. Für sowas immer aufmerksam zu sein, klingt anstrengend. Vielleicht gewöhne ich mich ja daran, sodass daraus ein intuitiver Automatismus wird. Ein Blick auf die vorhandenen Ressourcen macht mir Mut: Loslassen habe ich mein ganzes Leben lang geübt, meist recht erfolgreich. Als ich neun Jahre alt war, brannte unser Haus in Norddeutschland ab (ich Feuerteufel war zu dem Zeitpunkt in Spanien und hatte ein wasserdichtes Alibi). Dieser Verlust, so schmerzhaft und traurig er auch war, ermöglichte unserer Familie einen Neuanfang im Rheinland. Daraus ist viel Gutes entstanden. Vom Bauchgefühl her war der Brand im Nachhinein ein kreativer Veränderungsimpuls. Interessant…

Lektion: Im Zweifelsfall kann ich undurchdringliches Dickicht auch einfach abfackeln.

Fragen für Dich:

- Gibt es in Deinem Leben Themen, die Du gerne abfackeln möchtest?

- Was würde dadurch möglich?

 

GELBE SEITEN
Die Begegnungen mit fremden Menschen auf der Road to Wonderland bringen mich immer wieder auf neue Ideen. Da ich mich auf bislang unbekanntem Terrain bewege, nehme ich die Anregungen von Ortskundigen gerne auf. Alles selbst herauszufinden ginge zwar auch, ist aber häufig mühsam, kostet Zeit, Geld und Nerven. Also lebe ich nach dem Prinzip der Gelben Seiten und frage jemanden, der sich damit auskennt, sei es über Tripadvisor oder zufällige Begegnungen. Manchmal helfe ich dem Zufall auf die Sprünge und nehme einen Anhalter mit. Jeff ist so ein Anhalter. Als ich ihm erzähle, dass ich schöne Orte mit einer besonderen Atmosphäre abseits des Trubels suche, empfiehlt er mir, nach St. Lawrence zu fahren. Klingt gut, denke ich. Als ich dort ankam, dachte ich echt, mich tritt ein Pferd. Der Ort erinnert an eine verlassene Geisterstadt im mittleren Westen der USA. Ruhig ist der Ort, keine Frage. Die Vibes in St. Lawrence verströmen einen morbiden Friedhofscharme, der eine unangenehme Gänsehaut verursacht. Schnell weg hier. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie mir Jeff diesen Ort so sehr ans Herz legen konnte. Ich denke noch einmal an unser Gespräch zurück. Gab es irgendwelche Anzeichen, dass er mich veräppeln wollte? Nein. Offensichtlich dachte er, ich würde genau so einen Ort wie St. Lawrence suchen? Es gehört eben auch dazu, mal danebenzuliegen, wenn man den Empfehlungen anderer vertraut. Wenn ich meiner Intuition vertraue, dann muss ich auch bereit sein, mich auf gefühlte Umwege einzulassen. Es gibt nicht immer den geraden Weg zum Ziel – bei aller Entschlossenheit. Ich rufe mir die Naturgesetze des Lebens ins Bewusstsein: Ein lebendiges Leben ist ohne Risiko nicht möglich, weil es ein kreativer Entdeckungsprozess ist. Neues und Kreativität entstehen aus der Bereitschaft Fehler zu machen. Der Fehler, nach St. Lawrence zu fahren, hat mich eine Stunde gekostet. Also kein Problem. Es ist auch schön zu wissen, wo man nicht sein möchte. Das erhöht indirekt die Erlebnisqualität der schönen Orte, an denen man sich wohlfühlt.

Lektion: Auf unbekanntem Terrain können die Einsichten Ortskundiger sehr hilfreich sein. Angenehmer Nebeneffekt: Man hat einen guten Anlass, um miteinander in Kontakt zu kommen.

Fragen für Dich:

- Zu welchem Thema könntest Du jemanden um Inspiration, Rat oder Orientierung bitten?

- Wie sieht es mit Deiner Bereitschaft aus, Fehler zu machen?

 

MACH, DASS DU LAND GEWINNST
Weiter geht’s auf der Road to Wonderland. Launige Ratespiele auf großen Schildern im Trivial-Pursuit-Stil am Straßenrand sollen den Fahrer wachhalten. Einen Kilometer weiter kommt die Auflösung. Lustige Idee. Wieder so ein Beispiel für eine kleine, aber feine neue Erfahrung. Nach meiner „Flucht“ aus St. Lawrence mit Warp 10 lande ich in Cape Palmerston auf einem schönen Campingplatz. Mein erster Impuls ist, noch kurz vor Sonnenuntergang im Meer schwimmen gehen. Kaum etwas anderes lässt einen die Freiheit intensiver spüren als der Anblick des Meeres. Meer ist Freiheit. Und Lebendigkeit, immer in Bewegung. Der Ursprung des Lebens. Wenn ich mich in die Brandung stürze und den Wellen anvertraue, ist mein Hirn aus. Perfekt, um runterzukommen und im Hier und Jetzt anzukommen. Ein natürlicher Whirlpool nach großen Wellen. Man kann Wasser eh nicht festhalten oder den gleichen Wassertropfen ein zweites Mal finden. Ein kleines Loslassen-Erlebnis für zwischendurch. Mit solch vorfreudigen Gedanken spaziere ich durch ein Wäldchen dem Rauschen des Meeres entgegen. Etwas enttäuscht schweift mein Blick über den von der Ebbe freigelegten Meeresboden, der an dieser Stelle eher an norddeutsches Wattenmeer erinnert. Erst in deutlicher Entfernung sehe ich die Wellen. Während ich dorthin gehe, poppt ein Bild auf: Die freigelegte Fläche ist das neu gewonnene Terrain meiner Komfortzone. Viele Erlebnisse, die mich in den letzten Wochen berührt und geprägt haben, laufen in einer Diashow ab. Jeder Schritt steht für ein bedeutsames Erlebnis auf der Road to Wonderland. Ich erlebe die Highlights der Reise noch einmal. Was hat sich wirklich verändert? Gefällt mir das Neue? Die meisten Veränderungen hatte ich vor meiner Abreise nicht einmal in meinen wildesten Phantasien ausmalen können. Über was ich hier im Blog öffentlich berichten kann, ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt so viele spannende Erlebnisse und Erkenntnisse, die privat besser aufgehoben sind, weil sie auch das Leben anderer berühren. So frei und lebendig ich mich auch bereits fühle, so bewusst wird mir, dass da noch einiges vor mir liegt. Jeder einzelne Schritt hat mich mir selbst näher gebracht. 851 Schritte sind es bis jetzt geworden. Die Metapher des Landgewinns der Komfortzone gefällt mir und erscheint mir auch didaktisch wertvoll. Dieses Bild hat sich unauslöschlich in das Poesiealbum meines Lebens eingebrannt. Symbolhafte Bilder verwende ich ab jetzt häufiger, um den Erinnerungswert zu erhöhen. 851 schrittweise Erweiterungen der Komfortzone. Ein Drittel davon war ein Spaß, ein Drittel richtig anstrengend und ein Drittel eher unspektakulär. Diese Reise um die Welt und zu mir selbst geht an die Substanz. Mit einem paradoxen Lächeln stelle ich fest, dass ich urlaubsreif bin. Ich brauche Urlaub von der Weltreise, Zeit und Raum, um das alles zu sortieren, was geschehen ist.

Lektion: Jeder einzelne Schritt ist wichtig.

Fragen für Dich:

- Welche wichtigen Schritte hast Du in den letzten Monaten auf dem Weg zu Dir selbst gemacht?

- Willst Du überhaupt wissen, wer Du wirklich bist?

- Was würde dadurch möglich, wenn Du Dich selbst besser kennst?

 

Ilja Rep - Dein Coach für Freiheit und Entfaltung.

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„Den Knall, den man selber hat, hört man meist nicht.“

Doc Happinez