DER BLOG

Lockerheit

05.Apr 2016

„Lockerheit“, Teil 21 des Blogs Road to Wonderland aus Australien:
VER-RÜCKT
SONNENSCHEIN
AUSREBELLIERT

VER-RÜCKT
Australien ist Weite pur. Automatisch erweitert sich das Blickfeld. Das öffnet die Wahrnehmung. Aus Betrachten wird Verständnis. Wie beim Betrachten von Kunst, wenn man ein Gefühl für ihre eigentliche Botschaft bekommt. Details und Einzelheiten verschwimmen. Aus der visuellen Betrachtung wird eine umfassende Akzeptanz, sogar eine gefühlvolle Umarmung dessen, was ist. Ähnlich wie die Begrüßungsformel „Ich sehe Dich.“ im Film Avatar. Es bahnen sich Verbindungen zum Unterbewusstsein. So werden Stimmungen und Zusammenhänge sichtbar. Lebendigkeit wird spürbar. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich mich. Zum ersten Mal. Auf den ersten Blick gefällt mir nicht immer, was ich sehe. Immer diese unsäglichen Bewertungen. Eine kompromisslose Ehrlichkeit mir selbst gegenüber zieht mich in ihren Bann. Die Bewertungen verschwinden. Es bleibt Akzeptanz. Akzeptanz ist Viagra für die Seele. Sie ermöglicht es, sich der Welt, dem Leben und sich selbst gegenüber zu öffnen und sich mit Stehvermögen dem Wind des Lebens zuzuwenden. Noch krasser finde ich die Einsicht: Ohne Akzeptanz ist Liebe nicht möglich. Warum muss ich erst ans andere Ende der Welt fahren, um das alles zu verstehen? Ich bin doch ein reflektierter Mensch und auch sonst nicht blöd. Als am meisten einleuchtende Erklärung fällt mir ein, dass in einem sich schnell drehenden Hamsterlaufrad einfach ein zu großer Teil der Aufmerksamkeit darauf ausgerichtet ist, nicht aus der Balance zu rutschen. Da gibt es nur wenige freie Kapazitäten für eine ganzheitliche Wahrnehmung. Um wirklich wahrzunehmen, muss man in Verbindung sein. Allein durch die Welt zu reisen, weit weg von den gewohnten Bindungen, bekannten Einflüssen, Outlook & Co., den täglichen Verpflichtungen und diesem unsäglichen Rattenrennen, ermöglicht eine noch nie gekannte innere Ruhe. In dieser inneren Ruhe können die Dinge ihre natürliche Ordnung (wieder)finden und neue, passende Bindungen entstehen. Echte, tiefe Verbindungen. Die Road to Wonderland ist so wirkungsvoll wie 20 Jahre Therapie. Noch etwas ungläubig runzele ich die Stirn: Kann es wirklich so einfach sein, dass man einfach nur sich selbst erleben muss – unzensiert, schambefreit, losgelöst, ver-rückt? Der Mensch wird etwas nie wirklich verstehen, bis er es erlebt hat. Also muss man es erleben. Erleben heißt verstehen. Kein Wunder, dass es wirkt, denke ich mit einem Lächeln: Die Workshops von FÜhR DEIN LEBEN bieten jedem Teilnehmenden auch einen solchen Freiraum, in dem er/sie sich selbst erleben kann. Letztlich nehme ich nur meine eigene Medizin. Auch „nur“ drei Tage kreativer Freiraum im Rahmen eines FDL-Workshops kann die Perspektive vom „Müssen“ hin zum „Wollen“ grundlegend verändern. Man muss sich nur erlauben, ver-rückt zu sein. Man entdeckt nur dann neue Erdteile, wenn man bereit ist, so ver-rückt zu sein, die bekannten Küsten aus den Augen zu verlieren: Emanzipiert von der engstirnigen Komfortzone, losgelöst von der normativen Kraft der Normalität, befreit vom bourgeoisen Mief der kleinkarierten Missgunst, entfesselt von den dogmatischen Vorstellungen, wie „ein gutes Leben“ zu sein hat. „Normal“ ist ein gefährliches Wort. Was ist denn „normal“? Nahrungsmittel aus industrieller Massenproduktion? In einem Supermarkt sind Freilandhühnchen als etwas Besonderes etikettiert, die Hühnchen aus Massentierhaltung als normal. Was für eine kranke Welt. Sprache kreiert Wirklichkeit. Freiheit ist also nicht normal. Was ist „normal“? Die Angepasstheit bis zur seelischen Selbstzerstümmelung? Die oftmals kirchlich inspirierte Freudlosigkeit eines leidvollen Lebens verbunden mit der Lust an Scham und Schuld? Die moralisierende Konformität, die einem die Luft zum Atmen nimmt? Die Geißel der Vernunft, deren einseitiges Sicherheitsstreben andauernd alles bewertet, jedes Risiko des Lebens auszuschalten? Die humorlose Betroffenheitsnummer, die alles in eine bleierne Schwere hüllt? Scherz beiseite? Schluss mit lustig? Zum Lachen in den Keller gehen? Diese Redewendungen gibt es vermutlich nicht umsonst. Ohne mich. Ich will Spaß am Leben haben. Herausforderungen erleben. Mich dem Leben zuwenden und auch den manchmal starken Wind aushalten. Lebendig sein.

Lektion: Ich muss verrückt sein.

Fragen für Dich:

- Was bedeutet für Dich „normal“?

- Wann hattest Du das letzte Mal einen „ver-rückten“ Moment?

- Was wurde dadurch möglich?

- Wann und wie schaffst Du Dir den nächsten ver-rückten Moment?

 

SONNENSCHEIN
Meine Persönlichkeit und mein Leben stelle ich mir wie ein Wohnzimmer vor. Ich sehe, wie meine Erfahrungen auf der Road to Wonderland die Möbelstücke verrücken. Das meiste landet auf dem Sperrmüll. Das da ist nicht meins. Jenes bin nicht ich. Und diesen ganzen Kram hier haben Besucher liegengelassen. Es reist sich eh leichter mit leichtem Gepäck. Ich nehme die Vorhänge ab, die Mauer zum Garten verwindet. Es wird Platz für Sonnenschein. Es entsteht ein lichtdurchfluteter Raum, spärlich, nein übersichtlich eingerichtet mit allem, was mich ausmacht und was ich brauche. Und eben nur mit dem. Dermaßen aufgeräumt bleibt im Fokus, was wirklich zählt und Bedeutung hat. In diesem freien Raum kommen die wirklich relevanten Fragen erst ans Licht. Der alte Putz, der Sozialisationsmüll von 47 Jahren, bröckelt immer weiter runter. Übriggeblieben ist das pure Mauerwerk aus Ziegelsteinen. Ich sehe die Furchen und Kanten. Künstlerisch wertvoll. Identitätsbildend. Hier und da ist eine Ecke rausgebrochen. Aus Narben sind Verzierungen geworden. Das Gesamtambiente meines neuen Wohnzimmers verströmt eine einladende, liebevolle Wärme. Das fühlt sich nach Zuhause an. Auf einmal verstehe ich, warum ich diese Sehnsucht nach einem klassischen, ortsgebundenen Zuhause nicht habe. Ich bin bei mir selbst Zuhause. Endlich kann ich einziehen. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich zufrieden und unbeschwert. Vergangenheit? Akzeptiert. Zukunft? Kommt. Angekommen im Hier und Jetzt.

Lektion: Ich akzeptiere meine Vergangenheit für mehr Sonnenschein im Leben.

Fragen für Dich:

- Wie kannst Du Dir mehr Sonnenschein in Dein Leben holen?

- Wann tust Du es?

 

AUSREBELLIERT
Ich bin erstaunt, wie leicht das Leben sein kann. Wie ist das möglich? Wirklich „nur“ Akzeptanz und Loslassen? So richtig glauben mag ich es noch nicht. Diese Schlüssel für ein zufriedenes Leben wirken verblüffend paradox: Indem man akzeptiert, was ist, ermöglich man erst eine (konstruktive) Veränderung. Oder wie es meine geschätzte Kollegin Mag. Monika Herbstrith-Lappe sagt: „Die Wertschätzung für das Bestehende ist eine Grundvoraussetzung für Veränderungsbereitschaft.“ Echte Wertschätzung ist nur ohne Wertungen möglich. Auch wieder so ein vermeintlich paradoxer Gedanke. Mir fallen direkt eine Handvoll Dinge in meinem Leben ein, die ich einfach sch… finde, so nicht will und mir veritabel auf die Nüsse gehen. Gegen manche Dinge rebelliere ich, weil ich so nicht will. Rebellische Persönlichkeitsanteile können eine wertvolle Triebfeder für Veränderungen sein. Doch reibt sich der Rebell aus Prinzip an der real existierenden Wirklichkeit auf, weil er ohne Ende wertet, ist er erschöpft, bevor er sich ans Gestalten machen kann. Interessant: Bevor der Rebell konstruktiv tätig werden kann, muss (!) er zuerst in die Chillout-Lounge und sein Rebell-Sein aufgeben. Um den Widerstand gegen die real existierende Wirklichkeit aufgeben zu können, braucht es auch Akzeptanz in Form von tabuloser Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Die Ehrlichkeit nach innen ermöglicht Ehrlichkeit nach außen. Ohne Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ist kein Selbstvertrauen möglich, weil Ehrlichkeit die fundamentale Voraussetzung für Vertrauen ist. Inwiefern hat das, wogegen ich gerade rebelliere, mit mir zu tun? Nicht im Sinne von Schuld, sondern als Reflektion meiner selbst. Bei diesen Gedanken zieht sich mir manchmal noch der Magen zusammen. Auch wenn es keine lebenslange Glücksflatrate gibt, steigt durch Akzeptanz, Loslassen und Ehrlichkeit zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass Wunsch und Wirklichkeit eine größere Schnittmenge haben. Indem man loslässt (und nichts erzwingen will), können wahre, tiefe Verbindungen entstehen. Liebe ist Loslassen. Nichts erzwingen zu wollen bedeutet nicht, ziellos zu sein, sondern einfach nur das Leben anzunehmen. In diesem einen Augenblick. Akzeptanz ist nicht spezifisch auf die Zukunft gerichtet, denn in der Zukunft ist so gut wie alles möglich – zumindest deutlich mehr, als wir uns mit unserem begrenzten Verstand vorstellen können. Nur die Unsicherheit der Zukunft will akzeptiert werden. Da rückt spontan die eigene Verletzlichkeit ins Blickfeld. Unsicherheit bedeutet auch die Möglichkeit zu scheitern, enttäuscht zu werden oder einen Tritt vors Scheinbein. Indem man seine eigene Verletzlichkeit akzeptiert und das zwanghafte Schutzbedürfnis aufgibt, wird man unverwundbar. Ist man einseitig auf Sicherheit, Planbarkeit und Kontrolle ausgerichtet, zieht das lebendige Leben winkend an einem vorüber. Die Akzeptanz der Unwägbarkeiten des Lebens erfordert unabdingbar die Bereitschaft zu scheitern. Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft, nicht zu bewerten. Das fängt mit der Wortwahl an: Ich scheitere nicht, sondern habe meinen Wunsch noch nicht erfüllt, muss noch eine Extrarunde drehen, einen Umweg nehmen, bin noch nicht dort, wo ich sein möchte. Ich gebe in jedem Moment mein Bestes und das reicht. Man gewinnt nicht jedes Spiel. Auch das ist ein Gesetz des Lebens, das akzeptiert werden will. Was bin ich froh, so viel Zeit zu haben, um zu üben, werten durch annehmen zu ersetzen. Wertungsfreiheit macht frei. Das fühlt sich zutiefst erleichternd an. Ein Lied von Deichkind nistet sich als Ohrwurm ein: „Wir fahren mit der Luftbahn durch die Nacht, wo der Sternenhimmel für uns lacht. Und all die Probleme auf der Erde liegen für uns in weiter Ferne.“ Auf den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre bin ich schon gespannt…

Lektion: Ich akzeptiere meine eigene Verletzlichkeit.

Fragen für Dich:

- Wie viel Rebell/in steckt in Dir? Wann tut er/sie Dir gut, wann nicht?

- Wozu treibt Dich Deine Verletzlichkeit? Wovor meinst Du, Dich schützen zu müssen?

 

Ilja Rep - Dein Coach für Freiheit und Entfaltung.

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„Den Knall, den man selber hat, hört man meist nicht.“

Doc Happinez