DER BLOG

Prüfungen

12.Apr 2016

„Prüfungen“, Teil 24 des Blogs Road to Wonderland aus Thailand:
LÄCHELN
GEFAHR
KINDHEITSTRAUMATA

 

LÄCHELN
Immer lauter höre ich eine Stimme in mir rufen: „Mach ‘ne Pause.“ Nach der herausfordernden Prüfung „Touristenhölle Phuket“ geht es ab auf die Insel. Ein wunderschönes und bezahlbares Hotel in einer ruhigen Ecke abseits des Partytourismus‘ ist schnell gefunden. Die Bewertungen und die Bilder passen aber nicht zusammen. Ich überfliege die kritischen Feedbacks und bleibe irritiert zurück. Soll ich oder soll ich nicht? Da gerade viel los ist, bietet es sich an, direkt für eine Woche zu buchen. Nach dem Reinfall mit diesem Vorgehen in Phuket zögere ich ein wenig. Schließlich will ich mir nicht selbst vorwerfen müssen, aus meinen Erfahrungen nichts gelernt zu haben. All den negativen Bewertungen zum Trotz treffe ich meine Wahl nach einem einfachen Prinzip, das der Kabarettist Dr. Eckart von Hirschhausen plakativ auf den Punkt gebracht hatte: Willst Du im Restaurant eine Wahl treffen, dann blättere die Speisekarte durch und verschaffe Dir kurz einen Überblick, was es gibt, z.B. Salate, Pizza, Pasta, Fisch. Dann nimm einfach die erstbeste Alternative, die Dich anlächelt. Beim Immobilienkauf und bei der Partnerwahl mag es sinnig sein, sich aufgrund der langfristigen Implikationen ein paar weiterführende Gedanken zu machen. Aber bei den meisten Alltagsentscheiden reicht es vollkommen aus, einfach eine PASSENDE Entscheidung zu treffen. DIE richtige oder optimale Entscheidung kann man eh nicht im Vornherein identifizieren. Die Suche nach Perfektion lähmt und hat eine negative Rückkopplung mit dem Selbstwert. Ich empfinde es als ungemein erleichternd, mir diese Beschäftigungstherapie des Großhirns und sie Suche nach einer vermeintlich noch kleines bisschen höherwertigen Alternative zu schenken. Das spart Zeit, Geld und Nerven. Ich vertraue darauf, dass sich schon keine Gefahren für Leib und Leben ergeben. Wenn es passt, dann reicht es. Alles, was nicht wirklich (!) lebensbedrohlich ist, ist letztlich unbedeutend. Meinen Perfektionisfimmel werfe ich in die Shitbox (Abfalleimer, um unproduktive Glaubenssätze und Überzeugungen loszulassen). Gebucht.

Lektion: Ich entscheide einfach.

Fragen für Dich:

- Welche Deiner letzten Entscheidungen hättest Du auch nach dem Hirschhausen-Prinzip fällen können?

- Welche unmittelbare Entscheidung könntest Du ebenfalls nach diesem Prinzip treffen?

- Welche Glaubenssätze und Überzeugungen möchtest Du gerne in die Shitbox werfen?

 

GEFAHR
Die Reise zur Insel ist ein Abenteuer. Die Fähre wirkt sehr gut gefüllt. Ein Prüfer vom TÜV würde bei diesem Anblick wohl einen Herzinfarkt kriegen. Aber alles geht gut. Vom Hafen zum Hotel sind es noch gute 20km. Ich brauche ein Taxi. Die ersten aufdringlichen Angebote der lokalen Transportunternehmer erscheinen mir überteuert. Ich mag lieber selbst entscheiden, wer mich abzockt. Ein Fahrer weckt meine vertrauensvolle Neugier. Sein „Taxi“ ist ein Moped. Hallo?! Ich habe auch noch Gepäck. Mein erster Gedanke ist: Das klappt nie und nimmer. Niemals. Er sagt, das sei alles kein Problem. Er klemmt sich meinen großen Rucksack zwischen die Beine. Ich soll mich mit dem kleinen Rucksack hinter ihn setzen. Mir ist schleierhaft, wie er die Kiste so noch lenken will. Mit Gepäck bringen er und ich knapp 200kg auf die Waage. Aber er wird schon wissen, was er tut. In einem Affentempo heizt er über die Insel. Für einen kurzen Moment nehmen meine Bedenken überhand, und ich kriege weiche Knie. Doch dann akzeptiere ich das Risiko, vertraue und habe einen unglaublichen Spaß. Gefahr kann verwegenen reizvoll sein. Bei der Ankunft am Hotel bin ich sehr happy, dass ich diesen Trip gemacht habe. Ich danke ihm für die aufregende Fahrt. Am meisten fasziniert mich die Beschränktheit meiner eigenen Vorstellungskraft: Ich war mir so sicher, dass dieser Moped-Taxi-Trip mit einer solchen Beladung nie funktionieren würde. Nur weil ich etwas noch nicht kenne, meine ich zu wissen, dass es nicht gehen wird. Das ist nicht nur kurzsichtig, sondern arrogant. Die Taxifahrt war jetzt zwar nur ein 30-minütiges Abenteuer, doch es verändert meine Sicht auf die Möglichkeiten des Lebens von Grund auf.

Lektion: Meine Vorstellungskraft ist begrenzt.

Fragen für Dich:

- Bei welchem Erlebnis warst Du im Nachhinein überrascht, dass etwas wider Erwarten doch geklappt hatte?

- Was hatte Dich daran gehindert, die Möglichkeiten zu sehen?

 

KINDHEITSTRAUMATA
Was für ein wunderbares Paradies habe ich gefunden. Eine grüne Oase. Blumen. Eine belebte und zugleich ruhige Anlage. Die Terrasse des Restaurants bietet einen phantastischen Blick. Das Zimmer ist sehr geschmackvoll eingerichtet. Auf meinem privaten Balkon mit Meerblick wartet eine Hängematte auf mich. Wohlfühlatmosphäre de luxe. Den Service finde ich hervorragend. Alle Mitarbeiter wollen dazu beitragen, dass es mir gut geht. Nicht weil sie es müssen, sondern weil sie es wollen. Und selbst das alles nur vorgespielt sein sollte, es kommt glaubwürdig rüber. Sich mal so richtig schön pampern zu lassen, tut dem Selbstwert gut. Ein Traum für 35-55 EUR pro Nacht. Mit dem Preis-Leistungsverhältnis bin ich sehr zufrieden. 11 Punkte auf der 10er-Skala. Wie kann man hier nur was zu meckern haben? Ich schaue noch einmal die Feedbacks an: „Hartes Bett“. Das Feedback kam wohl von der Prinzessin auf der Erbse; meinem Rücken gefällt die Schlafqualität außerordentlich. „Bungalows in die Jahre gekommen.“ Kann ich in keiner Weise nachvollziehen. „Nicht der schönste Strand Thailands.“ Als Jäger der verlorenen Perfektion hat man natürlich immer was auszusetzen. Eine 10-minütige Fahrt mit dem Tuk-Tuk-Taxi und Du hast eine Handvoll schöner Strände zur Auswahl. „Dreckiger Strand.“ An einer Ecke sind ein paar Algen angeschwemmt. So what? „Lage am Hang, Weg zum Zimmer sehr steil und anstrengend.“ Fitness ist gefährlich, ich verstehe. „Mehr Auswahl beim Frühstück.“ Die Auswahl ist so wie in allen anderen Hotels in dieser Preisklasse in Thailand. Man wird satt. „Abseits jeglicher Einkaufsmöglichkeiten.“ Alles, was man fürs tägliche Leben braucht, gibt es. „Personal oftmals seltsam.“ Ich verstehe. Wer immer nur miesepetrig durch Leben geht, für den ist diese herzliche Freundlichkeit befremdlich. „Bad war auch viel zu dunkel.“ Schatz, dann mach‘ das Licht an oder genieße die andere Erlebniswelt im Halbschatten. „Moskitos und Geckos.“ Was erwartest Du denn, wenn Du halb im Urwald lebst? Natur ohne Tiere, schon klar. „Halbe Minute Wartezeit bis warmes Wasser kommt.“ Dieser Rezensent ist offensichtlich zu früh abgestillt worden. „Pool zu klein.“ Für Dich und Dein Ego auf jeden Fall. „Könnte von außen mal neu gestrichen werden.“ Was sagt Dein Therapeut dazu? „Uns war vom Personal nicht zu helfen.“ Den Eindruck habe ich auch. Mir geht es gehörig auf den Senkel, wenn Menschen ihre Kindheitstraumata und Minderwertigkeitsgefühle auf Kosten anderer ausleben. In Anlehnung an Dieter Nuhr kommt der Gedanke hoch: „Wenn Du nichts Positives beizutragen hast, einfach mal die Fresse halten.“ Auffällig viele der in meinen Augen kleinkarierten Feedbacks stammt von deutschsprachigen Gästen. Es schimmert häufig eine überhebliche, besserwisserische, rechthaberische und arrogante Grundhaltung durch. Es ist eine beliebte Glücksdroge, den eigenen Selbstwert zu erhöhen, indem man andere bewertet oder gar abwertet. Um das vor sich selbst zu rechtfertigen, wird häufig der vermutlich von Klaus Kinski stammende Spruch „Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz.“ zitiert. Arroganz ist nicht mehr als die Tarnung der eigenen Unsicherheit. Sie macht blind für das, was ist. Sie macht es einem unmöglich, sich an dem zu erfreuen, was ist und funktioniert. Arroganz zerstört zwischenmenschliche Bindungen. Bei der Recherche zu diesem Thema treffe ich auf die charmante Formulierung „Arroganz ist Seelenkrebs“. Sehr schön auf den Punkt gebracht. Der britische Theologe Andrew Fuller formulierte vorüber 200 Jahren den Satz: „Die Kunst des Erwachsenseins besteht darin, Selbstvertrauen ohne Arroganz zu entwickeln.“ Die Transaktionsanalyse würde empfehlen, sich vom kritischen Eltern-Ich ins Erwachsenen-Ich zu begeben. Während ich das schreibe, spüre ich meine eigenen arroganten Tendenzen. Schließlich weiß ich es ja auch gerade besser als die diversen Rezensenten und meckere über das Meckern. Wie wird man Arroganz los? Welches Anti-Idiotikum kann Arroganz heilen? Wie auf so viele andere Fragen des Lebens scheint die Antwort auch hier zu lauten: Akzeptanz. Was ist, ist. Nicht bewerten, nur beobachten, wahrnehmen und annehmen. Alles darf sein. Ich rege mich nicht mehr über kleinkarierten Gästebewertungen auf, sondern sehe sie nur als „für mich nicht hilfreich“ an. So bleibe ich bei mir und bewerte andere nicht. Dann werde ich mal erwachsen. Mann, Mann, Mann…das eigene Ego zu zähmen und den Selbstwert immer wieder passend zu kalibrieren, scheinen lebenslange Aufgaben zu sein. Üben, üben, üben

Lektion: Akzeptanz will geübt sein.

Fragen für Dich:

- Wann warst Du das letzte Mal arrogant? Was hatte es Dir gebracht?

- Was wäre durch Akzeptanz möglich geworden?

- Hast Du Lust, den morgigen Tag mal als meckerfreie Zone zu deklarieren?

Ilja Rep - Dein Coach für Freiheit und Entfaltung.

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„Den Knall, den man selber hat, hört man meist nicht.“

Doc Happinez