DER BLOG

Abgründe

15.Apr 2016

„Abgründe“, Teil 25 des Blogs Road to Wonderland aus Thailand:
PARALLELWELTEN
BEWUSSTE INKOMPETENZ
AUSPROBIEREN

 

PARALLELWELTEN
Die entspannte Zeit am Strand bietet Raum und Zeit, um die Erlebnisse der letzten Wochen sacken zu lassen. Es war ein heißer Ritt. Es ist unbeschreiblich viel passiert. Meine Aufnahmebereitschaft für neue Eindrücke nähert sich der Nulllinie an. Eine Fruchtfliege hat eine höhere Aufmerksamkeitsspanne als ich gerade. Ein starker Drang nach Nichtstun macht sich breit. Vielleicht sind längere Ruhephasen der Preis, den man für ein intensives und aufregendes Leben bezahlen muss, wenn es einem langfristig gutgehen soll. Ist Ruhe der Preis des Abenteuers? Im Moment fühlt es sich so an. Einige Tage genieße ich diesen Pitstop für die Seele, lasse mich verwöhnen, schlemme mich durch die Speisekarte. Auch meinen heißgeliebten Maracujasaft gibt es hier. Frisch zubereitet. Ich habe alles, was ich brauche. Dieser Satz hat meine Haltung dem Leben gegenüber verändert, die Prioritäten neu geordnet. Extravagante Einzelbedürfnisse lösen sich auf. Leichtigkeit. Ich bin dankbar für das, was ist. Ich bin mir auch selbst dankbar, mich auf die Road to Wonderland begeben zu haben. Die angemessene Wertschätzung von sich selbst stabilisiert den Selbstwert. Wenn ich selbst zu mir nett bin, dann mache ich es auch anderen leicht, nett zu mir zu sein. Leichtigkeit. Die hat etwas sehr befreiendes. Ich darf es mir selbst leicht machen. Willst Du Leichtigkeit, dann lass Deine alten Geschichten los, die Dir das Leben schwermachen, sagte mir einmal ein guter Freund. Loslassen. So wirkungsvoll und erleichternd ich Loslassen auch finde, so sehr beunruhigt mich die dadurch gewonnene Freiheit bisweilen noch. Akzeptanz und Loslassen sollen sich schließlich nicht in resignativer Beliebigkeit ausdrücken. Die passende Haltung muss ich noch in jeder Situation einzeln finden. Ich habe die Hoffnung, dass sich das irgendwann automatisiert, denn etwas bewusst zu erleben und zu verarbeiten, ist anstrengend. Und es soll ja Leichtigkeit entstehen. Es braucht meist seine Zeit, bis sich im Gehirn neue Synapsen, neue mentale Trampelpfade gebildet haben. Akzeptanz. Vielleicht muss ich auch noch einen Rest von Kontrollbedürfnis meines Komfortzonen-Managers loslassen. Wenn ich loslasse, sucht er instinktiv etwas, woran er sich festhalten kann. Das Bild, mich von mir selbst zu distanzieren, empfinde ich als therapeutisch sehr wertvoll: Nicht ich habe das Kontrollbedürfnis, sondern mein Komfortzonen-Manager. Für einen Augenblick ist es nicht mehr mein Problem, sondern seins. Wenn man eine bestimmte Verhaltensweise loswerden will, die nichts mit dem authentischen Kern der Persönlichkeit zu tun hat, dann ist der erste Schritt, die Verschmelzung dieser Verhaltensweise mit dem Ich aufzulösen (Defusion). Wenn der Komfortzonen-Manager z.B. Recht haben oder kontrollieren will, dann liegt das bei ihm und nicht bei einem selbst. Natürlich bleibt man in der Verantwortung, das ist klar. Die Defusion ist nur ein didaktisches Hilfsmittel, um Ordnung in eine komplexe Welt zu bringen: Für einen Augenblick betrachtet man etwas losgelöst vom Rest der Persönlichkeit. So bekommt man ein Gefühl dafür, wer man ist, wie man ist und wie sich das Leben anfühlt, wenn eine bestimmte Verhaltensweise auf einmal nicht mehr präsent ist. Man kann sie betrachten und beobachten. So wird sie handhabbar, loslassbar. Der authentische Kern der Persönlichkeit bleibt übrig. Manchmal ist es ganz hilfreich, neben sich zu stehen.

Lektion: Ich stehe neben mir.

Fragen für Dich:

- Welche Deiner Sicht- und Verhaltensweisen möchtest Du verändern oder loslassen?

- Wie fühlt es sich an, wenn Du Dich von ihnen distanzierst? Was bleibt dann übrig?

 

UNWISSENHEIT
Auf der Road to Wonderland gibt es so viel Neues, das entdeckt und ausprobiert werden will. Für eine Entdeckungstour durch die Insel brauche ich ein Transportmittel. In Thailand bieten sich natürlich Mopeds an. Meine bisherigen Erfahrungen mit zweirädriger Fortbewegung beschränken sich aufs Fahrrad. Ein wenig Respekt habe ich davor, das erste Mal einen solchen motorisierten Untersatz zu nutzen, zumal es zahlreiche Horrorstorys über Unfälle gibt. Aber egal, ich bin vorsichtig, dann wird es schon gutgehen. Das Moped wird mir freundlicherweise direkt vor die Tür gestellt. Und los geht’s. Oder doch nicht. Keine Ahnung, wie ich das Ding bedienen soll. Dieses Unwissen verunsichert mich. Meine Inkompetenz wird mir bewusst. Im Hamsterlaufrad tue ich fast nur Dinge, mit denen ich mich auskenne (unbewusste Kompetenz, da automatisiert wie z.B. Schnürsenkel binden). Diese Aufgabe, Moped fahren, ist jetzt ist völlig neu für mich. Trotz der vielen Wochen auf der Road to Wonderland brauche ich noch immer einen kleinen Schubs, um den Schritt ins Unbekannte zu wagen – zumindest wenn die körperliche Unversehrtheit mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bedroht ist (z.B. Gefahr eines Unfalls). Kurz die Bedienungsanleitung gegoogelt und ein Tutorial auf Youtube gefunden. Moderne Technik kann ein Segen sein. Was für ein tolles Gefühl das ist, eine (gefühlt) kniffelige Aufgabe anzugehen und sie zu lösen. Selbstwirksamkeit zu erleben ist ein Lebenselixier für mich. Ich frage mich, ob das anderen auch so geht oder ob ich ein exklusiver Nerd bin. Anlasser gedrückt. Das klingt schon mal viel versprechend. Wrummmm. Bremse und Gas liegen nah beieinander. Ich versuche ein Gefühl für die Maschine zu kriegen. Ich will bremsen und gebe stattdessen Gas. Die Maschine macht einen großen Satz nach vorn, hüpft wie ein Frosch. Eher wie ein wilder Mustang. Knappe 2m. Der Satz bringt mich bedrohlich nahe an einen Abgrund, von dem aus es 50m in die Tiefe geht. Das war knapp. Das war kein vertrauenerweckender Start. Ein Teil von mir meint: „Die Idee mit dem Moped war zwar nett, aber lass das lieber. Ein gebrochenes Bein oder einen Totalschaden an der Maschine kannst Du jetzt nicht gebrauchen.“ An sich ist es ja keine große Sache, ich habe nur absolut null Erfahrung damit. Ein wenig peinlich ist es mir, dass mich eine so leichte Alltagsnummer dermaßen verunsichert. Auch das darf sein. Aber wenn so viele andere Menschen das hinbekommen, dann schaffe ich das auch. Zudem ist Aufgeben nicht meine bevorzugte Option. Unterstützend aktiviere den neugierigen Entdecker in mir und lasse ihn machen. Der nächste Versuch läuft bereits geschmeidiger. Um die Hotelanlage zu verlassen, will ein sehr steiler Weg gemeistert werden. Keine Ahnung, wie viel Prozent Steigung das sind, mir kommt die Steigung krass vor. Noch etwas unbeholfen hangele ich mich mit meinem motorisierten Untersatz den Weg hinauf. Oben angekommen suche ich eine ruhige Seitenstraße, auf der ich üben kann. Die 500m fahre ich 20 Mal hin und zurück. Beschleunigen, bremsen, lenken. Immer wieder. Es wird so langsam…aus bewusster Inkompetenz ist bewusste Kompetenz geworden, zumindest ausreichend für den Anfang. Jetzt brauche ich nur noch Erfahrung, damit daraus unbewusste Kompetenz, ein in Fleisch und Blut übergegangener Automatismus wird. Der Schlüssel zum Erfolg scheint zu sein, mit mir selbst geduldig und großzügig zu sein und Spaß am Ausprobieren zu haben.

Lektion: Ich darf von etwas keine Ahnung haben und mich unsicher fühlen. Ich informiere mich und übe, bis ich mich hinreichend sicher fühle. Das dauert so lange, wie es dauert.

Fragen für Dich:

- Welche ungewohnten Aufgaben oder neuen Möglichkeiten kommen auf Dich in der nächsten Zeit zu?

- Wie fühlt es sich für Dich an, damit noch keine Erfahrung gemacht zu haben?

- Was könnest Du dadurch gewinnen, Neues auszuprobieren?

 

AUSPROBIEREN
Endlich fühle ich mich bereit für die Straße. Bei Sonnenschein düse ich über die holprigen und sandigen Pisten der Insel. Alles schön vorsichtig. Mein Schicksal will ich nicht unnötig herausfordern. Die Tour macht einen riesigen Spaß. Freiheit und Abenteuer. Was für eine geile Erfahrung. Was bin ich froh, mich dieser kleinen aber feinen Herausforderung gestellt zu haben. Neues auszuprobieren, lässt die Komfortzone wachsen. Wenn Du willst, dass sich in Deinem Leben änderst, dann musst Du etwas anders machen als bisher. Dieses Naturgesetz des Lebens ist den meisten Menschen bewusst. Warum fällt es dann so schwer, sich auf Neues einzulassen? Neben persönlichen Gründen gibt es auch eine kulturelle Komponente. So erscheint es mir aus der Entfernung. Im deutschsprachigen Raum hat man es am liebsten sauber strukturiert und fehlerfrei organisiert. Fehler und Misserfolge kriegen sehr schnell die Anmutung des Scheiterns. Bereits in der Schule lernen wir, Fehler zu vermeiden. Denn sie werden gezählt und negativ bewertet. Eltern sind auch gerne mal enttäuscht, wenn ihr Kind den eigenen Erwartungen nicht gerecht wird. Unter diesem Druck macht es keinen Spaß, Verantwortung für unbefriedigende Ergebnisse zu übernehmen; man sucht eher nach kreativen Ausreden oder gibt irgendeiner externen Ursache die Schuld. Unter solchen Bedingungen kommt kaum ein junger Mensch auf die Idee, sich selbst und seine Talente zu entdecken. Im Erwachsenenleben geht die Fehlerparanoia weiter: Lücken oder spontane Wendungen im Lebenslauf werden als Makel angesehen. Man müsse doch wissen, was man beruflich könne und wolle, wer der „richtige“ Arbeitgeber sei oder dass eine Selbstständigkeit auf jeden Fall ein unglaublicher Erfolg werden würde. Woher denn? Das ganze Leben ist ein großes Abenteuer, aber man soll Wahrsagerqualitäten haben. Kulturell wird all das, was nicht gradlinig ist, als Scheitern angesehen. Auch eine zu Ende gehende Paarbeziehung wird in der Regel negativ bewertet. Um das vermeiden, werden nicht weinige Beziehungen weitergeführt, obwohl beiden klar ist, dass der Drops gelutscht ist. Das Leben ist keine gerade Linie. Das Leben ist lebendig, dynamisch und unberechenbar. Jedem Fehler, jedem Scheitern, jeder Peinlichkeit wohnt ein kreativer Zauber inne. Weil sie eine Grenzerfahrung bedeuten. Eine Grenzerfahrung mit uns selbst. Erst an den Grenzen der bekannten Welt, der geliebten Komfortzone, entstehen Lernen und Wachstum. Obwohl den meisten Menschen vom Verstand her klar ist, was für ein völliger Unfug es ist, mit Gewissheit keinen Fehler zu machen und die Zukunft vorhersagen zu können, lassen sie sich davon leiten. Mal mehr, mal weniger. Ich habe noch keinen Menschen kennengelernt, der davon völlig frei wäre. Wohl temperierte und angemessene Bedenken können sich schnell zu apokalyptischen Endzeitphantasien wandeln: „Aber was ist, wenn es schief geht?!“ In dieser mahnenden Frage schimmert für mich auch ein Kontrollbedürfnis durch, das mit der Realität nicht Einklang zu bringen ist. So versucht man, die Zukunft in ein enges Korsett aus berechenbarer Gewissheit zu pressen. Aus einem engen Korsett ergibt sich vielleicht ein schönes Dekolleté, der Rest ist aber nur Krampf. Den Gewissheitsanspruch: Loslassen. Wenn man etwas ausprobiert hat und einem das Ergebnis nicht gefällt, dann ist das eben so. Akzeptieren, was draus lernen, fertig. Es scheint zwar einen stetigen Bewusstseinswandel zu geben, dass Kompetenz mehr ist als ein unter hohen persönlichen Opfern optimierter Lebenslauf, eine gradlinige Bilderbuchbeziehung (zumindest in der Außenwirkung) oder eine umfangreiche Zertifikatesammlung. Doch noch erscheint dieser Wandel nur langsam voranzuschreiten. Wahre Kompetenz kommt aus Erfahrungen. Leben ist Erfahrung – inklusive Scheitern. Man kann sich nicht nur die Rosinen herauspicken. Willst Du wirklich leben, dann musst Du für das Gesamtpaket bereit sein oder es lassen. Man muss es machen und erleben, um etwas zu verstehen und wirklich zu begreifen. Da gehören Fehler und Misserfolge einfach dazu. Anders sind Entwicklung und persönliches Wachstum nicht möglich. So gesehen bereue ich jeden Fehler, den ich nicht gemacht habe. Ich hätte ja was draus lernen können. 

Lektion: Ich finde meinen Weg durch Ausprobieren.

Fragen für Dich:

- Was könntest Du zum ersten Mal in Deinem Leben tun, um eine neue Erfahrung zu machen?

- Wie fühlt es sich die Aussicht an, das zu tun?

 

Ilja Rep - Dein Coach für Freiheit und Entfaltung.

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„Den Knall, den man selber hat, hört man meist nicht.“

Doc Happinez