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Zuhören

05.Aug 2016

DIE VIER ARTEN DES ZUHÖRENS FÜR DEN HAUSGEBRAUCH

Wir kommunizieren andauernd: Telefon, E-Mail, Teammeetings oder 1:1-Situationen. Mal geht es um Small Talk, mal um eine Liebeserklärung, mal um die Klärung eines Streits, mal um die Urlaubsplanung und mal darum, den eigenen Bedürfnissen Gehör zu verschaffen. Und manchmal sagen wir gar nichts und sagen doch so viel mit unserem Schweigen. Die Magie der Stille. Auch gibt es einseitige Kommunikation, etwa wenn wir einem Hörbuch lauschen, einen Film anschauen oder eine Zeitung lesen.
Intuitiv tappen Menschen in die kommunikative Falle, nur darauf zu warten, endlich selbst zu Wort zu kommen oder dem anderen die Schwachpunkte seiner Argumentation vor Augen zu führen. Oder man gibt dem Ratschlag-Reflex nach, den wohl jeder kennt. Kommunikation ist jedoch eher erfolgreich, wenn man zuhört. Wirklich. Wahrhaftig. Dass Zuhören eine wahre Kunst ist, hatte bereits der griechische Philosoph Zenon von Elea vor über 2.400 Jahren erkannt: „Die Natur hat uns nur einen Mund, aber zwei Ohren gegeben, was darauf hindeutet, dass wir weniger sprechen und mehr zuhören sollten.“ WIE wir kommunizieren (und zuhören), hängt maßgeblich davon ab, WARUM wir mit jemandem kommunizieren. Besteht eine tiefe emotionale Bindung? Aussicht auf einen persönlichen Vorteil? Klingt das Thema interessant (Neugier)? Vertragliche Verpflichtung? Erotische Anziehung? Aus Langeweile? Aus Einsamkeit? Die Ursachen sind so vielschichtig wie das Leben selbst. Je bedeutsamer ein Thema oder eine Person für einen ist, umso größer ist die Gefahr, dem anderen nicht wirklich zuzuhören, sondern sich einfach nur in seinem eigenen Paralleluniversum zu bewegen und die eigenen Bedürfnisse im Fokus zu haben. Je stärker der Fokus auf sich selbst ist, umso großer ist Gefahr, dass sich der Kommunikationspartner „nicht gesehen“ fühlt. Allgemein ist es im Leben hilfreich, wenn man „bei sich bleiben“ kann. Es gibt aber auch Situationen, in denen es hilfreich ist, die eigene Perspektive um die des Kommunikationspartners zu ergänzen. Bei FÜhR DEIN LEBEN nennen wir das „Fokus nach außen“. Dem Fokus folgt die Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit wiederum setzt die Leitplanken, wie sich eine Situation überhaupt entwickeln kann. Den Fokus nach außen zu richten, ist keine Technik, die man anwendet, sondern eine innere Haltung, die von einem EHRLICHEN Interesse am anderen und von einer vertrauensvollen Offenheit geprägt ist. Da jede Kommunikation einzigartig ist, gilt es, für jede Situation die passende Balance aus Innen- und Außenfokus zu finden. Wie sich in der Kommunikation der Fokus nach außen schrittweise schärft, hat Claus Otto Scharmer, Senior Lecturer beim Massachusetts Institute of Technology (MIT), in den vier Grundarten des Zuhörens plakativ auf den Punkt gebracht.

1. Download
Man nimmt einfach nur wahr. Die eigenen Wahrnehmungs- und Interpretationsfilter kommen voll zur Geltung. Diese Art des Zuhörens dient meist nur der Bestätigung bereits vorhandener Meinungen, Annahmen und Wertungen. Der Kommunikationspartner ist wie eine Leinwand, auf die wir man sich selbst projiziert. So kann man nur das wahrnehmen, was man eh bereits weiß bzw. meint zu wissen. Das fühlt sich zwar meist gut an (Selbstbestätigung), ist weniger anstrengend und hilft dabei, Gemeinsamkeiten zu entdecken, doch verhindert die zugrundeliegende Haltung, dass ein echter Dialog und eine wahre Verbindung zwischen zwei Menschen entstehen können. Diese Form des Zuhörens macht bei Alltagskommunikation am meisten Sinn, z.B. bei einer Preisauskunft oder bei einfachen Bitten wie „Bring bitte Eier mit.“

2. Unterscheidendes Zuhören
Garniert man die eigene Haltung mit einer Prise wertungsfreier Offenheit, achtet man auf das, was anders ist und was von bislang Gewohntem und Bekanntem abweicht. Was ist anders als das, was ich bislang kenne? So wird Lernen möglich. Unterscheidendes Zuhören macht z.B. Sinn, wenn man neues Wissen aufnehmen oder Daten analysieren möchte. Im Vergleich zum Download ist bei dieser Art des Zuhörens der Geist offen für Neues.

3. Empathisches Zuhören
Empathie (Einfühlungsvermögen) bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in jemanden hineinzuversetzen, für einen Moment die Schuhe eines anderen zu tragen. Durch diese Verschiebung des Fokus‘ hin zum anderen kann man die Gedanken, Gefühle, Motive und Persönlichkeitsmerkmale eines anderen erkennen und – zumindest ansatzweise – verstehen. Für einen kurzen Moment parkt man die eigenen Pläne und beginnt die Welt mit den Augen des anderen zu sehen. Empathie ist keine Technik, die man anwendet, sondern eine innere Haltung, die man wählt. Diese Haltung wirkt authentisch und glaubwürdig, wenn sie einer liebevollen Grundstimmung entspringt. So kann ein echter Dialog entstehen und seine konstruktive Wirkung entfalten. Elemente des sogenannten aktiven Zuhörens können es einem erleichtern, sein empathisches Potenzial zu aktivieren. Dazu gehören körperliche Zugewandtheit, regelmäßiger Blickkontakt, offene Körperhaltung und bestätigende Lesebestätigungen wie ein lächelndes Kopfnicken oder ein „Ich verstehe“. Das Verstehen ist hier kein rhetorisches Leckerli, sondern umfasst inhaltliches wie emotionales Verstehen. Auch paraphrasierendes Zuhören kann unterstützend wirken; in diesem Fall gibt der Zuhörer das Gehörte mit eigenen Worten wieder und fördert dadurch aktiv die Klarheit in der Kommunikation.
Im Vergleich zum unterscheidenden Zuhören ist beim empathischen Zuhören das Herz offen für eine menschliche Verbindung. Derart zugewandte Kommunikation ist z.B. bei der Klärung eines Streits sehr hilfreich. Den anderen wirklich zu verstehen, bedeutet nicht, ihm recht zu geben, sondern eben nur, die Sicht eines anderen zu verstehen – inhaltlich wie emotional. Man akzeptiert einfach, was dem anderen wichtig ist, selbst wenn die eigene Meinung hiervon stark abweicht. Alles darf sein.

4. Schöpferisches Zuhören
Ergänzt man die liebevolle kommunikative Grundhaltung zwischen zwei Menschen um die Dimension der Zukunft, kann etwas Schöpferisches entstehen. Das Kinderbuch „Wir können noch viel zusammen illustriert dieses Phänomen anschaulich: Drei Tierkinder (Vogel, Fisch, Schwein) aus drei unterschiedlichen Lebensräumen (Luft, Wasser, Land) sind miteinander in Kontakt, möchten miteinander in Verbindung sein und öffnen sich daher vorbehaltlos der Erlebniswelt der anderen. Das eigene Ego und die bisher bekannte Welt spielen keine Rolle. Es besteht kein Raum für Wertungen. Man will nicht rechthaben, seine Standpunkte durchboxen, andere von der eigenen Grandiosität überzeugen oder verlustängstlich sein bisheriges Weltbild verteidigen. Man öffnet nicht nur seinen Geist (Level 2) und sein Herz (Level 3), sondern auch seinen Willen. Ist man in diesem Sinne bereit, die Kontrolle loszulassen und sein Ego gechillt auf die Hängematte zu legen, kann in einem offenen leeren Raum eine kreative Resonanz zwischen den Kommunikationspartnern entstehen. Es geht um die innere Bereitschaft, GEMEINSAM etwas Neues entstehen zu lassen. Man öffnet sich erwartungslos der Ungewissheit der Zukunft. Diese Art des Zuhörens ist z.B. bei Changemanagement-Projekten, bei Innovationsthemen und bei persönlicher Entwicklung sehr hilfreich.

Was kann man tun, um vor allem Level 3 und 4 zu verinnerlichen und bei Bedarf im Repertoire zu haben? Ausprobieren und wahrnehmen, was passiert – bei einem selbst und beim Kommunikationspartner. Nur weil man kommunikativ auf Level 4 unterwegs ist, muss es der andere nicht auch sein. Geduldige Großzügigkeit mit sich selbst und anderen ist sowieso immer eine gute Idee. Der Schritt von Level 2 zu 3 erfordert eine Präsenz als Mensch, nicht nur physische dekorative Anwesenheit. Falls man über ausgeprägte Lebensmotive wie Macht („Ich will bestimmen.“), Anerkennung („Ich will keinen Fehler machen.“) oder Status („Ich will, dass mein Platz in der sozialen Nahrungskette gesehen wird.“) verfügt, dann ist es hilfreich, diesen in Situationen von Level 3 und 4 keinen Raum zu geben, ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken und sie in den Standby-Modus zu versetzen. Der Schritt von Level 2 zu 3 erfordert zusätzlich auch eine gehörige Portion liebevoller Akzeptanz – für sich selbst und den anderen.

Empfehlung: Sei aufmerksam für die Art des Zuhörens, die Du wählst. Passt der gewählte Level? Beobachte die Ergebnisse, zu denen Dein Kommunikationsverhalten führt. Wenn es passt: Weitermachen. Wenn nicht, dann probiere etwas anderes aus.

Wenn Du erfahren möchtest, wie Du zugewandt kommunizieren kannst, dann könnte der Workshop FDL1 „Der Aufbruch“ etwas für Dich sein: https://www.facebook.com/events/1179225672091961/

Sonnige Grüße
Ilja Rep

„Den Knall, den man selber hat, hört man meist nicht.“

Doc Happinez