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Tipp der Woche Nr. 10

08.Apr 2015

Warum ist der Umgang mit Gefühlen ein Thema, das so gut wie jeden Menschen angeht? Weil jeder einen bestimmten Umgang mit Gefühlen gelernt hat, z.B. durch elterliche Prägungen, Prägungen des sozialen Umfelds oder durch allgemeine gesellschaftliche und kulturelle Einflüsse. Der Mensch ist ein sehr gefühlvolles Wesen. Gefühle sind spontane, intuitive Reaktionen, die sehr selten einer bewussten Entscheidung entspringen. Bereits der bekannte Philosoph Jürgen Klinsmann sagte einst „Gefühle, wo schwer zu beschreiben sind.“ Gefühle sind ein wesentlicher Bestandteil unseres emotionalen Autopiloten – und wie jedes Navi kann einen dieser Autopilot mal auf die Sonnenseite des Lebens und mal auf den Holzweg führen. Das Bewusstsein über diese Prägungen kann ein wesentlicher Schritt in die persönliche Freiheit sein und auch die Gefahr für eine Burnout-Situation nachhaltig verringern.

Das Ziel ist, einen offenen und wertungsfreien Zugang zur kompletten Bandbreite menschlicher Gefühle zu haben. Denn jedes Gefühl hat eine natürliche Funktion, einen „Problemlösungsauftrag“. Hat ein Gefühl seinen Auftrag erfüllt, verschwindet es wieder. Kommt z.B. ein Auto auf einen zugerast (Auslöser), dann empfindet man aufgrund dieser Bedrohungssituation Angst (Gefühl), die einen Fluchtreflex auslöst (Reaktion), um sich zu schützen (Funktion). Neben der Flucht kann Angst auch die Reaktionen Totstellen oder Angriff auslösen, was in diesem Fall allerdings keine empfehlenswerten Handlungen sind. Ist dieser natürliche emotionale Fluss eines Gefühls gestört, dann bauen sich Spannungen auf, die einen auch zügig in eine Burnout-Situation oder andere unangenehme psychosomatische Befindlichkeiten führen können. Ein Gefühl kann seine natürliche Funktion nicht erfüllen, wenn es stigmatisiert, unterdrückt oder sonst irgendwie nicht gewollt ist. Gefühle sind weder gut noch schlecht (Wertung), sondern schlicht und ergreifend einfach da. Manche Gefühle fühlen sich schön an, andere weniger. Von der Erlebnisqualität sollte man sich jedoch nicht leiten lassen, denn sonst schränkt man das Gefühl in seiner Fähigkeit ein, seinen natürlichen Auftrag zu erfüllen. Auch wenn sich ein Gefühl auf den ersten Blick unangenehm anfühlt und den Reflex auslöst „will ich nicht fühlen“, so will es dennoch wertungsfrei akzeptiert werden. Bewertet man ein Gefühl oder will man es aus dem Blickfeld schieben, dann fühlt es sich nicht gesehen und kann deswegen eine destruktive Eigendynamik entwickeln. Wie ein Kind, das nicht genug Aufmerksamkeit bekommt und deswegen einen veritablen Aufstand macht. Mit der wertungsfreien Akzeptanz ist jedoch nicht die Empfehlung gemeint, jede Gefühlsregung spontan, unreflektiert oder gar rücksichtslos auszuleben – sondern einfach zuzulassen, dass man in einer bestimmten Situation ein bestimmtes Gefühl hat (=Akzeptanz). Wann und wie man es dann auslebt, steht auf einem anderen Blatt.

So lauten die Regeln für einen konstruktiven Umgang mit Gefühlen:
1. Jedes Gefühl hat seine natürliche Funktion und damit seine Existenzberechtigung.
2. Gefühle möchten wertungsfrei angenommen werden.
3. Es ist meine Entscheidung, ob und inwiefern ich in einer bestimmten Situation ein Gefühl auslebe oder nicht.
4. Jedes Gefühl kann kurzfristig geparkt werden – über kurz oder lang braucht es aber seine verdiente Aufmerksamkeit und will ausgelebt oder Gassi geführt werden.

Bei den Prägungen für den Umgang mit Gefühlen sind die Einflüsse durch die Eltern am bedeutsamsten. Das liegt zum einen an der Vorbildrolle, die Eltern für ein Kind einnehmen: „Ein Kind wird selten Deinem Ratschlag, aber immer Deinem Vorbild folgen.“ lautet eine Volksweisheit. So beeinflussen Eltern die Erlebniswelt eines Kindes indirekt. Zum anderen beeinflussen Eltern den Umgang mit Gefühlen auch direkt und unmittelbar, wenn sie sagen „Sei nicht traurig! Ärgere Dich nicht! Stell Dich nicht so an (wenn etwas weh tut)! Sei still (und freue Dich nicht)! Lass das, das gehört sich nicht!“ Meist sind solche Ansagen situationsspezifisch gemeint. Kinder leiten für sich jedoch in ihrer naiven Logik daraus häufig allgemeine Regeln für den Rest ihres Lebens ab. Denn intuitiv folgt beinahe jedes Kind der Maßgabe „Was muss ich (nicht) tun, um geliebt und gesehen zu werden?“ Der kindliche Interpretationsfilter macht aus der – vielleicht sogar gut gemeinten – Botschaft „Sei nicht traurig!“ die Regel „Wenn ich traurig bin, bin ich nicht okay, also bin ich ab jetzt nicht mehr traurig.“ Solche Lernerfahrungen fräsen sich mal oberflächlich und mal sehr tief in die Seele ein und werden so zu einem unbewussten Bestandteil des emotionalen Autopiloten. Im Erwachsenenalter hört man dann das Echo aus der Vergangenheit „Sei nicht traurig!“ in einer Situation, in der es eigentlich sehr angesagt wäre, Trauer zu empfinden (Gefühl) und über Weinen und traurig sein auszuleben, um etwas emotional loszulassen (Funktion), was man verloren hat (Auslöser). Aufgrund der Prägungen und des damit verbundenen Echos kann es sein, dass man keinen offenen und wertungsfreien Zugang zum Gefühl Trauer hat. Das Gefühl kann seinen Problemlösungsauftrag nicht oder nur unzureichend erfüllen, sodass man das, was man eigentlich loslassen wollte, weiterhin mit sich herumschleppt. Hat man mehrere solcher schweren Eisenkugeln an den Füßen, dann kommt man in seinem Leben nicht schwungvoll voran.

Gefühle sind wie ein Fluss – ist das natürliche Flussbett versperrt, dann sucht sich das Wasser einen anderen Weg, um den vorhandenen Druck zumindest halbwegs abzubauen. Jetzt kommen Ersatzgefühle ins Spiel. Ersatzgefühle sind wie ein alternatives Flussbett. Hat man z.B. früher einmal gelernt, dass Trauer ein Gefühl ist, das man besser nicht haben sollte, dann sucht sich die menschliche Psyche häufig einen Ersatz, z.B. Ärger, Schmerz, Scham oder sogar Freude. Ersatzgefühle kreieren bisweilen skurrile Situationen mit hohem Irritationspotenzial für die Menschen um einen herum. Das jeweilige Ersatzgefühl auszuleben war in Kindheitstagen nicht negativ belegt und gemäß der Familien-ABG erlaubt. Ersatzgefühle entstehen durch einen in der Regel unbewussten Bewertungs- und Entscheidungsprozess, den ein Kind unter existenziellem Druck erlebt. In diesem Sinne war ein Ersatzgefühl einmal die bestmögliche Notlösung. Macht ein Kind wiederholt eine solche Lernerfahrung, dann ist sein ursprüngliches, spontanes Empfinden irgendwann tief verschüttet. Solche unproduktiven Lernerfahrungen nennt man umgangssprachlich auch Sozialisationsmüll.

Die Lernerfahrungen über den Umgang mit Gefühlen sind oft geschlechtsspezifisch geprägt. So sollen Jungs häufig keinen Schmerz zeigen („Ein Indianer fühlt keinen Schmerz! Reiß Dich zusammen!“), nicht traurig sein („Hör auf zu heulen, Männer weinen nicht!“), keine Angst haben („Stell Dich nicht so an, sei ein Mann!“) oder keine ausgelassene Freude zeigen („Mach keinen Krach!“). Wenn ein junger Mensch lernt, dass z.B. Schmerz ein Gefühl ist, das man besser nicht haben sollte, dann kann das im Erwachsenenalter dazu führen, dass man nicht auf seinen Körper hört, wenn dieser einem eindeutige Warnsignale schickt. Manche Menschen finden z.B. ihren Job derart zum Kotzen, was sich in Rückenschmerzen zeigen kann („Ich kann diese Last kaum noch ertragen.“). Madonna sang einmal „Pain is a warning that something is wrong.“ Die natürliche Funktion von Schmerz ist, die körperliche Funktionsfähigkeit aufrecht zu erhalten (Systemerhalt). Wenn man dieses Warnsignal nicht hört bzw. nicht hören will, weil es mit dem Selbstverständnis der erlebten Prägungen nicht vereinbar ist, dann kann der Schmerz nicht seinen eigentlichen Problemlösungsauftrag erfüllen, nämlich der Quelle des Schmerzes auszuweichen oder eine Heilung einzuleiten. Und ehe man’s sich versieht, ist schon das Frühbucherticket für die nächstgelegene Burnout-Klinik reserviert. Beliebte Ersatzgefühle für Schmerz sind Ärger, Trauer, Scham und Verachtung. Seinen Ärger lebt man möglicherweise in Situationen aus, die mit der eigentlichen Quelle des Schmerzes nichts zu tun haben. Oder man ist wegen der Frustration, die man wegen dieser Situation empfindet „irgendwie traurig“. Oder man schämt sich dafür, überhaupt Schmerz zu empfinden. Oder das Gefühl bahnt sich über den Kanal der Verachtung seinen Weg („Mein Chef ist scheiße.“). Neben Schmerz ist bei Männern der offene Zugang zur Angst häufig versperrt. Es gilt bisweilen als unmännlich, Angst zu haben. Neben Fliehen und Totstellen ist Angriff eine mögliche Verhaltensreaktion auf ein Angstgefühl. Am nächsten dran am Angriff ist Ärger. Also lernt ein junger Mann, lieber Ärger bis hin zu unkontrollierter Wut zu zeigen, um die Energie seines Angstgefühls irgendwie zu verarbeiten. Es gibt allerdings viele Bedrohungssituationen (= Auslöser von Angst), in denen eine aggressive Reaktion eher kontraproduktiv ist und man viel Porzellan zerschlägt, ohne es „eigentlich“ zu wollen.

Manche Ersatzgefühle tauchen eher bei Frauen auf. Viele Mädchen haben gelernt, dass sie nur dann akzeptiert werden, wenn sie sich nicht ärgern. Der natürliche Problemlösungsauftrag von Ärger ist zu spüren, dass man mit etwas nicht zufrieden ist (Auslöser) und daher eine Veränderung herbeiführen möchte (Funktion). Die erlebte Unzufriedenheit („Ich habe keinen Bock auf diese Scheiße!“) setzt aggressive Energien frei, die einen konstruktiv leiten können, weil man die Situation verändern will. Ist dieser Zugang versperrt, dann kann sich nichts ändern. Das zweite Reaktionsmuster von Ärger ist Aufgeben; man erkennt, dass die eigenen Einflussmöglichkeiten begrenzt sind. Ärger ist häufig ein männlich besetztes Gefühl, das daher als unweiblich angesehen wird. Wenn ein Mädchen lernt, sich besser nicht zu ärgern, dann sind Freude, Trauer, Schmerz und Scham beliebte Ersatzgefühle. Wird Freude als Ersatzgefühl gewählt, dann lächelt eine erwachsene Frau die Quelle ihres Ärgers an, obwohl sie eigentlich einen gepflegten Rumpelstilzchenanfall hinlegen möchte. Manche halten die lächelnde Fassade sogar dann aufrecht, wenn ihnen jemand quasi in die Fresse haut – selbst dann lächeln sie. So kann in der Ausstrahlung eines erwachsenen Menschen zwischen den Zeilen die Botschaft mitschwingen „Wenn Du meine Grenzen überschreitest, musst Du keinen Ärger befürchten, weil ich nicht gelernt habe, mich richtig zu ärgern.“ So können z.B. Mobbingerlebnisse mehr damit zu tun haben, dass jemand regelmäßig Freude als Ersatzgefühl für Ärger heranzieht und weniger darin begründet liegen, dass die Mobber einfach nur böse Menschen sind. Beim unbefangenen Blick auf solche systemischen Zusammenhänge des Lebens ist es sehr hilfreich, die Schuldfrage auszublenden und sich auf seine Selbstverantwortung zu konzentrieren. Das macht vielleicht auf den ersten Blick nicht so viel Spaß, ist aber die Voraussetzung dafür, aus seinem Hamsterlaufrad heraustreten zu können.

Neben Ersatzgefühlen sind noch Vermeidungsstrategien sehr beliebte Mittel zur Kompensation nicht ausgelebter Gefühle. Manche Menschen fressen den Ärger in sich hinein, anstatt ihn pädagogisch wertvoll auszuleben. Es gibt sogar eine offizielle Redewendung für dieses Phänomen („Ärger in sich hineinfressen.“). Mittelfristig kann eine solche Vermeidungsstrategie zu einem schönen Magengeschwür führen. Dies ist ähnlich wie die oben beschriebenen Rückenschmerzen ein plastisches Beispiel dafür, wie Gefühle und psychosomatisches Erleben miteinander verbunden sein können. Wenn man etwas in sich hineinfrisst, dann findet man etwas „eigentlich“ zum Kotzen, was sich dann als Symptom z.B. auch in einer Bulimie zeigen kann.
Beliebte Vermeidungsstrategien für Trauer und Ärger sind Alkohol und Drogen, z.B. um den „Kummer zu ertränken“. Manche Menschen vermeiden eine offene Auseinandersetzung mit ihrer Angst, indem sie als hyperaktives Duracell-Häschen durch die Gegend laufen. Eine Vermeidungsstrategie ist letztlich ein Ablenkungsmanöver, mit dem man sich selbst betrügt.

Bei FÜhR DEIN LEBEN arbeiten wir unter anderem mit folgenden Fragen zum Umgang mit Gefühlen:
- Zu welchen Gefühlen habe ich einen offenen und wertungsfreien Zugang?
- Bei welchen Gefühlen habe ich gelernt, diese besser nicht zu zeigen?
- Bei welchen meiner Gefühlsregungen habe ich den Verdacht, es könnte sich um ein Ersatzgefühl handeln?
- Bei welchen meiner Verhaltensweisen habe ich den Verdacht, es könnte sich um eine Vermeidungsstrategie handeln?
- Welche Gefühle möchte ich so in mein Leben einbinden, dass sie ihre natürliche Funktion angemessen erfüllen können?

„Den Knall, den man selber hat, hört man meist nicht.“

Doc Happinez