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Paradoxon des Lebens Nr. 1

03.Mai 2015
Bei FÜhR DEIN LEBEN gibt es eine neue Reihe, die das Leben übersichtlicher machen soll, indem wir uns anschauen, wie komplex es ist. Allein dieses Ziel illustriert den Titel dieser Reihe "Paradoxien des Lebens". Die meisten Menschen haben eine tiefe Sehnsucht nach einfachen Patentrezepten, um ein Ziel zu erreichen. Wenn man etwas Komplexes auf Biegen und Brechen in eine vorgefertigte Schablone pressen will, dann hat man meist ein Problem, weil man der Wirklichkeit nicht gerecht wird, indem man sie übermäßig auf bekannte Eckpunkte reduziert.

ETIKETTENSCHWINDEL
Jeder Mensch etikettiert seine Erlebnisse, d.h. wir kleben ein Post-it an ein Erlebnis (z.B. "gut/schlecht", "Freund/Feind", "schön/blöd", "harmlos/gefährlich") und erinnern uns an diesen Marker, wenn ein neues Ereignis eintritt, das "irgendwie" Parallelen aufweist. Evolutionspsychologisch lässt sich dieses Muster so erklären, dass es früher in der Entwicklungsgeschichte des Menschen mal hilfreich fürs Überleben war, die Welt um sich herum schnell einordnen zu können. Doch das Leben im 21. Jahrhundert ist unendlich viel vielschichtiger als noch vor 400.000 Jahren. Leider ist das unserem emotionalen Autopiloten nicht immer bewusst. Ehe man es sich versieht, hat man sich seine Welt schön übersichtlich eingerichtet. Das fühlt sichzwar behaglich an, funktioniert aber vielfach nicht.

50 SHADES OF GREY IN BUNT
Daher sollen unsere Beiträge in dieser Reihe den interessierten Leser dazu inspirieren, sein intuitives Schwarz-Weiß-Denken durch mindestens 50 Shades of Grey zu ersetzen - alternativ kann das Leben auch bunt sein, wenn Dir diese Metapher besser gefällt.

WER SICH AUFOPFERT, MACHT SICH SELBST ZUM OPFER
Ein plastisches Beispiel ist das "Paradoxon der Wichtigkeit". Menschen nehmen sich auf der einen Seite häufig nicht wichtig genug, wenn sie sich von Botschaften leiten lassen wie "Mach es allen recht", "Sei hilfsbereit", "Du musst Dich für Deine Kinder aufopfern" oder "Das kannst Du nicht bringen, was sollen bloß die Nachbarn denken". Da der Mensch ein soziales Wesen ist, das erst in einer Gemeinschaft wirklich aufblüht, macht es durchaus Sinn, sich AUCH dafür zu interessieren, was andere Menschen brauchen oder was ihnen generell wichtig ist. Darüber vergessen manche allerdings ihre eigenen Bedürfnisse, grenzen sich nicht hinreichend ab oder lassen es sogar so richtig mit sich machen. "Der Lohn der Anerkennung ist, dass Dich am Ende alle mögen - außer Du selbst." sagte dazu mal sehr passend die Schriftstellerin Rita Mae Brown.

ME, MYSELF AND I
Auf der anderen Seite nehmen sich die meisten Menschen zu wichtig: Sie kultivieren ihre Empfindlichkeiten, sind schnell beleidigt und verletzt, jammern über die Vergangenheit (und leben damit dort), schmücken sich ihre Zukunft sorgenvoll (mit viel Liebe zum Detail) aus, verweigern aus Prinzip kooperatives Verhalten, sagen häufig "ja aber", pflegen einen emotionalen Geiz oder wollen unbedingt nur ihre Interessen durchsetzen und merken gar nicht, welche sozialen Kollateralschäden sie dadurch verursachen.

DAS EINE BEDINGT DAS ANDERE
Interessanterweise kann man einen deutlichen Zusammenhang erkennen zwischen "ich nehme mich selbst nicht wichtig genug" und "ich nehme mich selbst zu wichtig". Wer sich häufig von der Botschaft des ersten Satzes leiten lässt, kommt zwangsläufig zu kurz, spürt einen Mangel und fühlt sich nicht hinreichend gesehen oder gar ausgenutzt. Das fühlt sich in der Regel scheiße an und kann einen dazu bringen, in anderen Situationen übers Ziel hinauszuschießen und beinahe ausschließlich nur sich selbst zu sehen.

DOCH EIN PATENTREZEPT
Wie kann man das Problem lösen? Diese sieben Schritte haben sich in der Praxis häufig bewährt:
1. Man erstens akzeptiert, dass man sich zu häufig nicht als wichtig/wertvoll genug ansieht.
2. Man erkennt, dass man eine Wahl hat, diese Haltung zu ändern - und übernimmt (Selbst-)Verantwortung für sein Leben.
3. Man trifft eine Entscheidung "Ich ändere das jetzt."
4. Man schmeißt unproduktive Sichtweisen aufs Leben, die einen dazu gebracht haben, sich sich selbst gegenüber so lieblos zu verhalten, in die Shitbox.
5. Man versteht das Leben als ein pulsierendes Gleichgewicht aus Geben & Nehmen, Rücksicht & Durchsetzung, Nähe & Distanz, Freiheit & Anpassung.
6. Man ist bereit, den Preis für die Veränderung zu zahlen, z.B. nicht mehr rumzuopfern und dadurch weniger Aufmerksamkeit zu bekommen und anderen nicht mehr Schuld für den eigenen Frust in die Schuhe schieben zu können.
7. Man setzt die Idee der Schritte 1-6 einfach um und probiert neue Wege aus. Wenn etwas funktioniert, dann weitermachen. Wenn etwas nicht funktioniert, dann neue Lösungen suchen.

Fertig.

„Den Knall, den man selber hat, hört man meist nicht.“

Doc Happinez