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Bring Deinem Kind bei, ohne Dich klarzukommen

26.Jun 2015

Warum ist Loslassen so wichtig? Weil all das, was man festhält, einen unfrei sein lässt. Zum einen ist man selbst unfrei, zum anderen ist die Person oder Sache, die man festhält, ebenfalls unfrei. Einer Sache ist das vielleicht egal, aber einer anderen Person eher nicht. Was man festhält, bindet Aufmerksamkeit, die einem für andere Ziele nicht zur Verfügung steht; so produziert man in vielen Fällen unnötigen emotionalen Ballast. Wenn Festhalten für einen selbst (und die anderen) funktioniert, dann: Hau rein. Wenn nicht, dann stehen weiter unten wertvolle Anregungen, was Du tun kannst.

AUF WELCHEM TRIP BIST DU DENN?
Loslassen fällt einem sehr viel leichter, wenn Festhalten nicht mehr (so) attraktiv ist. Was also macht Festhalten so attraktiv? Festhalten ist wie ein LSD-Trip, in dem man zwar keine bunten Bilder sieht, aber eine wohlige Illusion von Kontrolle und vertrauter Sicherheit erlebt. Die Illusionen von Kontrolle und Sicherheit sind zwei sehr mächtige Anker im wahrsten Sinne des Wortes – man bleibt irgendwie stehen und hat automatisch weniger Entfaltungsmöglichkeiten. Das Gefühl, etwas unter Kontrolle zu haben, hat in vielen Fällen noch einen weiteren hohen emotionalen Mehrwert: Man erlebt seine Selbstwirksamkeit, d.h. man glaubt daran, etwas bewirken zu können und auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu sein. Dazu kommt häufig auch ein (unbewusstes) Überlegenheitsgefühl, wenn man glaubt, etwas besser zu können als andere und sich deshalb dazu berufen fühlt, Kontrolle auszuüben. Die Attraktivität des Festhaltens kann man einfach enttarnen, indem man sich bewusst macht, dass es sich in weiten Teilen eben nur um eine Illusion handelt, die exklusiv im eigenen Kopfkino abläuft. Man kann einfach die Entscheidung treffen, sich diesen Film nicht mehr anzuschauen. Und man kann lernen darauf zu vertrauen, dass noch viele spannende Dinge passieren können, wenn man dem Leben die Chance gibt, einen zu überraschen – doch dafür ist die Bereitschaft unabdingbar, sein Kontroll- und Sicherheitsbedürfnis auf ein entspanntes Niveau herunterzufahren.

KINDER, KINDER
Dieses Kontroll- und Sicherheitsbedürfnis zeigt sich auch im Umgang mit dem eigenen Nachwuchs: Viele Eltern halten ihre Kinder mit einer großen Leidenschaft fest – und wundern sich auf der anderen Seite, warum die Kinder nicht erwachsen werden. Im täglichen Leben zeigt sich das Festhalten z.B. in ungefragten Vorschlägen („Studiere doch Jura, das ist was Sinnvolles.“), Anrufen am Sonntagmorgen um 8 Uhr („Ich wollte nur mal eben hören, wie es Dir geht.“), Assessment Centern für neue Lebenspartner („Der/die ist doch nichts für Dich.“), Mutti-Vati-GPS („Ruf auf jeden Fall an, wenn Du gut angekommen bist.“), Schuldzuweisungen („Weißt Du eigentlich, auf was ich alles Deinetwegen verzichten musste?!“), Wertetyrannei („Was sollen bloß die Nachbarn denken?“) oder in Projektionen der eigenen Wünsche („Wann machst Du mich endlich zur Großmutter/zum Großvater?“). Manche Eltern nisten sich pseudo-fürsorglich im Leben ihrer Kinder ein („Ich baue die Möbel für Dich auf.“, „Hier hast Du 1.000 EUR.“, „Ich komme mal eben vorbei und räume bei Dir auf.“) und verleihen ihrem Verhalten eine grundsätzliche moralische Absolution („Ich meine es doch nur gut.“). Interessanterweise finden sich in diesen Beispielen viele Kinder, aber nur wenige Eltern wieder. Warum dies so ist, thematisieren wir hier später mal.

DRAMATISCHE FÜRSORGE
Manche Eltern verlangsamen durch ihr Kontroll- und Sicherheitsbedürfnis den Reifungsprozess ihrer Kinder. In der Extremform sind das die berühmten Helikopter-Eltern. Ein ausgeprägtes Familienmotiv („Ich will gebraucht werden von meinen Kindern.“) kann diesen Umstand noch verstärken. Dieser Wunsch ist bisweilen so stark, dass er wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung wirkt: Damit man als Vater oder Mutter auf jeden Fall gebraucht wird, schaffen manche Eltern erst diesen Bedarf bei ihren Kindern, indem sie sie kleinhalten, Abhängigkeiten kreieren und jeden Unabhängigkeitsimpuls ihres Nachwuchses ins Leere laufen lassen. Mit anderen Worten: Manche Eltern machen ihre Kinder zu Opfern, um sie anschließend retten zu können. Angenehmer Nebeneffekt: Man fühlt sich gebraucht, wertvoll, unverzichtbar. Solche „Spiele“ entspringen selten einer bewussten Entscheidung, sondern werden täglich einfach so auf den unzähligen Bühnen des Lebens aufgeführt. Meistens hatten einem die eigenen Eltern dieses Drama auch noch mustergültig vorgelebt.

DAS GEHÖRT SICH ABER SO
Es gilt häufig als sozial erwünscht, sich fürsorglich um seine Kinder zu kümmern. So spricht die Stimme der Gesellschaft aus dem Off: „Du musst Dich intensiv um Deine Kinder kümmern, sonst bist Du kein guter Vater/keine gute Mutter.“ Daraus entsteht ein enormer sozialer Druck. Die meisten Eltern, die die „Frechheit“ besitzen, ihr Kind nach 9 Monaten in eine Betreuung zu geben und wieder Vollzeit zu arbeiten, sehen sich einem moralischen Trommelfeuer ausgesetzt. Es ist also ein gesellschaftlicher Konsens, seinen Nachwuchs intensiv betüddeln zu MÜSSEN. Dies hat zwangsläufig Auswirkungen auf die Bereitschaft der Eltern, ihre Kinder in Freiheit wachsen zu sehen.

HERZLOS ODER LIEBEVOLL?
Die Parole „Bring Deinem Kind bei, ohne Dich klarzukommen.“ kann man herzlos finden oder als liebevolles Loslassen ansehen. Mal angenommen, man bevorzugt ganz intuitiv eine kurze Leine und will seine Kinder nah bei sich haben. Dann ist das in den meisten Fällen sicherlich gut gemeint. Und es kann auch für beide Seiten schön sein, sich emotional nah und verbunden zu fühlen. Wie in Paarbeziehungen verwechseln viele auch in Eltern-Kind-Beziehungen ein natürliches Bedürfnis nach Nähe mit besitzen wollen. Darüber kann man schon mal aus den Augen verlieren, dass ein starkes, unabhängiges, freies Kind eher in der Lage ist, die Herausforderungen des Lebens erfolgreich zu meistern und sich als selbstwirksam zu erleben. Eine unabdingbare Voraussetzung dafür ist, emotional loszulassen – und das nicht erst in der Pubertät. Emotional loszulassen bedeutet nicht, eine emotionale Distanz einzubauen, wo eigentlich eine liebevolle Nähe herrscht. Auch bedeutet das nicht, dass einem das Wohlergehen des eigenen Kindes egal ist oder man ihm keine Orientierung fürs Leben anbietet. Es bedeutet nur: „Ich beherrsche Dich nicht, kontrolliere Dich nicht, zwinge Dich nicht, sondern lasse Dich und unterstütze Dich. Und nur, weil Dein Verhalten möglicherweise nicht meinen Vorstellungen entspricht, bist Du nicht falsch.“ Noch einmal unmissverständlich fürs Poesiealbum: Loslassen heißt nicht, nur noch ein passiver Beobachter des Lebens der eigenen Kinder zu sein, sondern aktiv an ihrem Leben teilzuhaben – auf Augenhöhe. Und so schwer es sich auch teilweise anfühlen mag, man hat als Vater oder Mutter dann einen perfekten Job gemacht, wenn einen das eigene Kind nicht mehr braucht („brauchen“ im Sinne von Bedürftigkeit oder Hilflosigkeit).

UND WAS KANN ICH TUN?
Wie jede andere wirksame Selbstreflexion beginnt auch diese mit Aufmerksamkeit und Akzeptanz:
• Aufmerksam dafür zu sein, ob die (vermeintlich) liebevolle elterliche Fürsorge den emotionalen Reifungsprozess des eigenen Kindes eher unterstützt oder behindert. Auch gilt es für das eigene Kontrollbedürfnis aufmerksam zu sein; wenn man einen Kontrollimpuls in sich verspürt, hat man jedes Mal die Wahl, ob man sich diesem Impuls hingibt oder sich von ihm emanzipiert.
• Zu akzeptieren, dass man seine Kinder nicht vor allen Gefahren dieser Welt beschützen kann, sondern dass das größte Geschenk für sie ist, wenn sie auf sich selbst aufpassen können. Dies fällt einem meist leichter, wenn man seinen Glauben in einen positiven Verlauf der Dinge kultiviert (engl. „faith“) und wenn man die Unwägbarkeiten des Lebens akzeptiert. Clint Eastwood meinte hierzu mal sehr passend: „Wenn Du eine Garantie brauchst, dann kaufe Dir einen Toaster.“

Ein Beispiel für das Zusammenwirken von Aufmerksamkeit und Akzeptanz ist das oben beschriebene Aufgeben der Illusion von Kontrolle und Sicherheit. Eine kompromisslose Ehrlichkeit sich selbst gegenüber bringt hier noch mehr PS auf die Straße. Dazu gehört auch, sich nicht hinter der beliebten Generalabsolution „Ich habe es doch nur gut gemeint“ zu verstecken – das ist Selbstbetrug vom allerfeinsten.

Manchmal erkennt man, dass das eigene Nähe- und/oder Kontrollbedürfnis den eigenen Kindern gegenüber kontraproduktiv ist und sie nicht dabei unterstützt, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen. In diesem Fall kann das Gefühl Trauer den Prozess des Loslassens beschleunigen. Trauer ist ein menschliches Ursprungsgefühl, das die natürliche Funktion hat, einen Verlust konstruktiv zu verarbeiten. Ein Verlust kann auch der Abschied von einer Vorstellung oder einem Wunsch sein, wie die Welt oder ein Mensch zu sein hat. Wenn man sich also einige traurige Momente gönnt, dann kann das sehr heilsam und befreiend sein.

Zusammengefasst: Loslassen leicht gemacht mit Aufmerksamkeit, Akzeptanz und Trauer.

Solche und andere fundamentale Herausforderungen des Lebens kann man übrigens prima im Coachingprogramm zur Potenzialentfaltung FÜhR DEIN LEBEN FDL 1 „Der Aufbruch“ meistern. Gilt für Eltern wie für (erwachsene) Kinder. Die nächste (und in 2015 letzte) Gelegenheit besteht in Köln vom 25.-27. September: https://www.facebook.com/events/366388640231214/

„Den Knall, den man selber hat, hört man meist nicht.“

Doc Happinez