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Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt

11.Aug 2015

In jedem von uns steckt eine kleine Pippi Langstrumpf, die sich die Welt so macht, wie sie ihr gefällt. Wir ignorieren Fakten, die nicht in unser Weltbild passen. Wir drücken anderen die Verantwortung aufs Auge, indem wir unsere eigenen Unzulänglichkeiten auf sie projizieren und ihnen zum Vorwurf machen. Manchmal sind wir allein nur deshalb beleidigt, wenn andere die Welt anders sehen als wir, weil ihnen andere Werte wichtig sind. Wir verallgemeinern Echos vergangener Erfahrungen als vermeintliche Naturgesetze des Lebens und lassen unser Verhalten im Hier und Jetzt davon marionettengleich steuern, z.B. „Ich bin früher verletzt worden, wenn ich mich auf jemanden eingelassen hatte. Lerneffekt: Einlassen tut weh. Also lasse ich mich nicht mehr ein.“ Und wir stecken Menschen einfach in Schubladen – das ist nämlich sehr effizient und bequem.

WAHRNEHMUNG IST EINE ILLUSION
„Kann mir doch nicht passieren, ich bin doch voll reflektiert!“, denkst Du? Dann erinnere Dich an §6 der AGB des Lebens: „Wahrnehmung ist immer eine unvollständige Illusion.“ Die Wahrnehmung eines jeden Menschen ist lückenhaft – erst recht, wenn es um andere Menschen geht. Bereits Sokrates meinte einst: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Er bezog das zwar nicht nur auf die Wahrnehmung, doch gerade dafür passt sein Gedanke wunderbar. Denn die Wahrnehmung spielt jedem Menschen immer wieder gekonnte Streiche, sie ist ein Meister der Illusion, ein atemberaubender Varietékünstler. Jeder Mensch erlebt daher laufend seine eigene Version der Truman Show. Aber Du kannst zu einem gewissen Grad beeinflussen, was im Drehbuch steht.

DIE ERFUNDENE WIRKLICHKEIT
Die menschliche Wahrnehmung folgt drei Prinzipien, die wie Naturgesetze wirken.

Prinzip 1 „Kontrast“: Menschen nehmen vor allem das wahr, was sich – spürbar –verändert. Es war in der Evolutionsgeschichte des Menschen vermutlich mal hilfreich, Veränderungen in der Umwelt wahrzunehmen, weil sich dahinter eine Gefahr verbergen konnte (Säbelzahntiger raschelt hinterm Busch). Das Gleichnis vom gekochten Frosch illustriert das Kontrast-Prinzip sehr anschaulich: Sitzt ein Frosch in einem Topf und steigt die Temperatur langsam an, dann bleibt der Frosch im Topf, bis es zu spät ist. Ist das Wasser bereits spürbar heißer als gewohnt, dann springt er heraus.

Kreative Zwischenfrage: Wie viel Frosch steckt in Dir?

Prinzip 2 „Filter“: Menschen nehmen immer nur Ausschnitte wahr. Auch wenn das menschliche Gehirn viel verarbeiten kann, ist seine Verarbeitungskapazität dennoch beschränkt. So hat jeder Mensch seine Wahrnehmungsfilter, die in der Regel parallel wirken, z.B. wichtige Werte, ausgeprägte Lebensmotive, Vereinbarkeit mit dem Selbstbild, Ängste und Vorerfahrungen, die mit einer aktuellen Situation irgendwie vergleichbar sind. Ein Mensch nimmt also bevorzugt die Informationen wahr, die ihm entweder bekannt und/oder als wichtig erscheinen. Erfahrungen werden vor allem über Sinneseindrücke und damit verbundenen Gefühlen kodiert und abgespeichert und machen so die bekannte Welt aus. Im Endeffekt kommen im Gehirn immer nur einzelne Puzzleteile der Wirklichkeit an. Insbesondere das Filter-Prinzip führt dazu, dass wir vor allem das wahrnehmen, was wir wahrnehmen wollen, weil wir es kennen.

Prinzip 3 „Lückenfüllen“: Wegen des Filter-Prinzips nehmen Menschen die Wirklichkeit nur ausschnittsweise wahr. Die fehlenden Puzzleteile werden unbewusst ergänzt. So entsteht die Illusion, dass die Wahrnehmung der Wirklichkeit entspräche. Die ergänzten Puzzleteile hat jedoch jeder Mensch in seiner eigenen Wahrnehmungs-Werkstatt selbst produziert. Insbesondere das, was wir bereits kennen, löst kreative Assoziationen aus und beeinflusst, welche Puzzleteile produziert werden. Dabei orientiert man sich gerne an dem Motto: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“

Zwischenfazit: Kein Mensch nimmt die Welt objektiv, unvoreingenommen, neutral oder vollständig wahr, sondern er nimmt nur Ausschnitte wahr, die in sein bekanntes Selbst- und Weltbild passen. Das bekannte Werk von Paul Watzlawick heißt nicht umsonst „Die erfundene Wirklichkeit“.

WILLKOMMEN ZUR PARADE DER SCHÖNSTEN WAHRNEHMUNGSFEHLER
Die drei beschriebenen Prinzipien der Wahrnehmung führen bei jedem Menschen zu unterschiedlichen Fehlern in der Wahrnehmung. Wenn man die konkreten Stolpersteine in der Wahrnehmung kennt, dann hat man zumindest eine gewisse Chance, sich nicht ausschließlich in seinem vertrauten Paralleluniversum zu bewegen und eine Hauch von Objektivität herzustellen. Das ist weder gut noch schlecht, sondern das ist so. Jeder von uns lebt in seiner eigenen Welt.

Selektive Wahrnehmung: Ich sehe nur das, worauf ich mich gerade konzentriere bzw. was ich sehen will. Die selektive Wahrnehmung ist sozusagen die Wiege der meisten Wahrnehmungsfehler. Deswegen sind Aufmerksamkeit und Achtsamkeit so bedeutend für eine ganzheitliche Wahrnehmung.

Primär-Effekt (engl. primacy effect): Die erste Information zu einer Sache oder Person bleibt am längsten in Erinnerung und beeinflusst so die weitere Wahrnehmung. Die Redewendung „einen guten ersten Eindruck machen“ bringt den Primär-Effekt auf den Punkt. Auch bei einer simplen Aufzählung kann dieser Effekt wirken, z.B. geht es bei FÜhR DEIN LEBEN um „entdecken. fühlen. sein.“ Erzählt man später einem Freund davon, dann ist es wahrscheinlich, dass man sagt „Irgendwas mit entdecken, den Rest weiß ich nicht mehr.“ Der Primäreffekt lässt sich auch beobachten, wenn jemand ein Bild einer Bibliothek sieht; dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er leiser spricht. Menschen, die einen Text lesen, in dem die Worte „ich“ und „mich“ sehr häufig vorkommen, zeigen ein verstärktes wettbewerbsorientiertes Verhalten.

Rezenz-Effekt (engl. recency effect): Das letzte Erlebnis zu einer Sache oder Person bleibt am längsten in Erinnerung und beeinflusst so die weitere Wahrnehmung. Der Resenz-Effekt ist das Gegenteil vom Primär-Effekt. Er lässt sich z.B. bei einer Präsentation gut nachweisen: Die Zusammenfassung am Schluss bleibt in Erinnerung. Oder das Erlebnis des letzten Happens kann das Urteil über ein Essen stark prägen. Oder im Kino bleibt der letzte Werbefilm vor dem Hauptfilm tendenziell am stärksten im Gedächtnis haften. Oder bei einem Mitarbeitergespräch stehen vor allem die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit im Fokus der Aufmerksamkeit.

Bestätigungsfehler (engl. confirmation bias): Menschen bewerten Informationen so, dass sie zu ihren Meinungen und in ihr Weltbild passen. Widersprechende Informationen werden ausgeblendet oder als unglaubwürdig abgetan. Dieser Fehler taucht aktuell in der Flüchtlingsdebatte vermehrt auf, wenn z.B. ein Asylgegner Fakten, die seiner „Logik“ widersprechen, einfach ignoriert oder als „Produkt der Lügenpresse“ abqualifiziert. So werden auch gerne Asylrecht und Zuwanderungsrecht nicht differenziert betrachtet bzw. miteinander verwechselt. Ein weiteres Beispiel ist, wenn ein Asylgegner einen Einzelfall (z.B. Diebstahl durch einen Ausländer) so verallgemeinert, dass alle Ausländer kriminell sind („Siehste, ich hab’s doch immer gesagt!“).

Halo-Effekt: Eine Verhaltensweise oder ein Merkmal werden als besonders positiv oder negativ empfunden und überstrahlen den Rest (wie eine Halogenlampe). So schließt man gerne von bekannten Merkmalen (z.B. länger als die Regelstudienzeit für das Studium gebraucht) auf unbekannte Eigenschaften (muss faul sein), ohne sich noch die Mühe machen zu wollen, diese Annahme zu verifizieren. Gutaussehende Menschen profitieren häufig vom Halo-Effekt, weil man ihnen unterstellt, überdurchschnittliche Leistungen zu erbringen.

Logik-Fehler: Man zieht einfach eine logische Schlussfolgerung aus einer Beobachtung, ohne diese kritisch zu hinterfragen. Wer z.B. einen Fleck auf seiner Kleidung hat, ist auch sonst unordentlich. Oder wer sich in einer Festanstellung befindet, ist materiell abgesichert. Oder wenn man heiratet, dann hält die Beziehung ewig. Der Logik-Fehler entspringt sehr häufig dem Halo-Effekt.

Kontrast-Fehler: Wahrgenommene Unterschiede (= Kontraste) werden überbetont. Beispielsweise wird ein schwacher Mitarbeiter in einem Team noch schwächerer Mitarbeiter als relativ leistungsstark wahrgenommen; ist derselbe Mitarbeiter jedoch von leistungsstärkeren Personen umgeben, fällt seine Leistungsschwäche noch stärker ins Auge. Der Volksmund bringt den Kontrast-Fehler durch die Redewendung „Unter den Blinden ist der Einäugige König“ zum Ausdruck.

Ego-Fehler (auch Rosenthal-Effekt): Was man erwartet, nimmt man auch wahr. Man findet nur etwas gut, was man selbst genauso machen würde. Der Ego-Fehler liegt darin begründet, dass Menschen Selbstbestätigung suchen, weil sich dann richtig fühlen.

Konsistenz-Fehler: Weil man etwas bisher so gemacht oder so gesehen hat, muss man es jetzt auch so machen bzw. sehen. Menschen streben danach, sich mit sich selbst stimmig zu verhalten, selbst wenn man „eigentlich“ weiß, dass in der Vergangenheit bewährte Verhaltensweisen im Hier und Jetzt nicht funktionieren. Deutlich wird der Konsistenz-Fehler, wenn jemand über sich selbst sagt „Meine Hauptquelle von Anerkennung war bisher, mich zum Clown zu machen – also mache ich das auch weiterhin.“

Projektionsfehler: Man überträgt das eigene Verhalten – insbesondere die eigenen Unzulänglichkeiten – mit wachsender Begeisterung auf andere Menschen. Es handelt sich um eine beliebte Vermeidungsstrategie, um selbst keine Verantwortung übernehmen zu müssen: Jemand, der selbst nicht aufmerksam zuhört, wirft genau dies jemand anderem vor. Wenn man spürt, dass man selbst nicht immer zuverlässig ist, regt man sich gerne über die Unpünktlichkeit anderer auf. Und in der heutigen Zeit sehr beliebt: Jemand, der selbst keinen Job hat, unterstellt arbeitssuchenden Ausländern, sie seien (natürlich alle!) Sozialstaatsschmarotzer oder würden einem den Job wegnehmen. Der Vorteil dieser Vorgehensweise liegt darin, dass man seinen Selbstwert wunderbar stärken kann – ist zwar nur eine Illusion, fühlt sich aber toll an.

Cheerleader-Effekt: Menschen wirken in einer Gruppe anderer Menschen attraktiver, als wenn man sie einzeln betrachtet. Die Ursache liegt darin, dass das Gehirn eine Art „Gruppengesicht“ kreiert, indem es aus den einzelnen Gesichtern einer Gruppe überwiegend attraktive Merkmale heraussucht und daraus ein durchschnittliches Gruppengesicht macht. Man kann auch sagen, dass das menschliche Gehirn eine Art Photoshop-Funktion hat, die unattraktive Merkmale einfach aus der Wahrnehmung wegretuschiert – wenn der Betrachtete denn von mindestens zwei weiteren Personen umgeben ist.

Diese Liste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll einen guten Überblick geben und für die Herausforderungen in der Wahrnehmung sensibilisieren. Und jetzt? Einfach weiterlesen…und kostenlose Tipps für Dein Leben mitnehmen.

AUGEN AUF – NUTZE DEIN GEISTIGES BRILLENPUTZTUCH
Wahrnehmung ist mehr, als nur durch ein Fernrohr zu schauen und die Schärfe einzustellen. Wahrnehmung ist vielmehr der Blick durch ein buntes Facettenauge. Jeder Mensch macht sich die Welt so, wie er sie sehen will – der eine mehr, der andere weniger (Sehnsucht nach Fernrohr). Die folgenden Anregungen unterstützen Dich dabei, ganzheitlicher wahrzunehmen (Facettenauge) und Dir Dein Leben leichter zu machen.

1. Bewusstsein schaffen
Sei Dir bewusst und akzeptiere, dass Deine Wahrnehmung immer subjektiv ist. Es gibt keine objektive Wahrheit, sondern nur Deine eigene, ganz persönliche Wahrheit. Dieses Bewusstsein unterstützt Dich dabei, wertungsfrei zu sein und zu bleiben. Eine wertungsfreie Sicht macht das Leben leichter. Willst Du mehr Leichtigkeit in Deinem Leben, dann hör auf zu werten.

2. Überblick behalten
Du macht allein dadurch weniger Fehler in Deiner Wahrnehmung und ihrer Beurteilung, wenn Du Dir der verschiedenen Fallstricke bewusst bist. Um z.B. nicht in die Falle des Primär-Effekts zu tappen, kannst Du Deine Aufmerksamkeit bewusst auf das lenken, was nach dem ersten Eindruck passiert ist, damit Dein Unterbewusstsein diese möglicherweise wichtigen Informationen nicht mal so nebenbei in den Gedächtnismülleimer wirft. Wenn Du Dich z.B. über das Verhalten eines anderen ärgerst, dann kann die Frage „Was projiziere ich hier möglicherweise aus den anderen?“ eine unerschöpfliche Quelle von Selbsterkenntnis sein und unnötiges Konfliktpotenzial entschärfen.

3. Tausche Dich aus
Tausche Dich mit anderen aus, wie sie die Dinge wahrnehmen und einschätzen. Du wirst mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit viele Überraschungseier finden. Dies ist übrigens ein sehr wirksames Training für die eigene Wertungsfreiheit, indem man übt, die Meinungen anderer einfach so wertungsfrei stehenzulassen. Denn die Wahrnehmung anderer ist für sie genauso wahr wie Deine Wahrnehmung für Dich.

Probiere die drei Schritte einfach mal aus und entdecke dadurch neue Möglichkeiten für Dein Leben.

Bewusste Wahrnehmung hat aber auch zwei Nachteile: Zum einen muss man aufmerksam sein und in Szenarien und Alternativen denken – das kostet Zeit und Energie...ist also Arbeit. Das ist nicht für jeden was. Zum anderen verzichtest Du mit einer wertungsfreien Perspektive auf die attraktive Droge für den Selbstwert: Recht haben.

Auch beim Thema Wahrnehmung gilt der FDL-Leitsatz „Tu es oder lass es – beides hat Konsequenzen.“

 

Autor: Ilja Rep, Coach für Liebe, Freiheit und Abenteuer

„Den Knall, den man selber hat, hört man meist nicht.“

Doc Happinez