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Vorsicht vor der Treibsandfalle der Gedanken

16.Aug 2015

Denken an sich führt natürlich nicht immer in die Treibsandfalle. Problematisch wird das Kopfkino des Denkers, wenn es zum Selbstzweck wird und nicht lösungsorientiert ist. Dann wird Denken zum kognitiven Herumwursteln, das einen davon abhält, im Hier und Jetzt entspannt zu leben. Sowohl der sorgenvolle Blick auf die Zukunft als auch der ärgerliche Blick auf die Vergangenheit lösen meist sehr unangenehme Empfindungen aus, die man einfach vermeiden kann.

DAS SORGENTELEFON DER ZUKUNFT
Wenn man sich Sorgen macht, dann denkt man in der Zukunft. Erleichternd kann dabei die Information wirken, dass über 95% der Dinge, über die sich Menschen Sorgen machen, nicht eintreten. Das wäre an sich nicht der Rede wert, wenn es sich denn im Hier und Jetzt nicht so anfühlen würde, als ob die Sorgen Wirklichkeit wären. Denn das Denken macht schnell aus eifrig erstellten Prognosen eine konstruierte Wirklichkeit mit 100% Wahrscheinlichkeit. So wird aus einem Gedankenspiel, das als harmlose Sorge angefangen hat, schnell eine echte Angst, die den Blick für die realistische Wahrscheinlichkeit des Eintretens und für mögliche Lösungen vernebelt. Das ist so anstrengend wie unnötig. Beispiele sind Eltern, die sich Sorgen darüber machen, ob die bei den Großeltern untergebrachten Kinder auch um 20 Uhr ins Bett gehen. Oder ein Selbstständiger, der sich Sorgen darüber macht, wo der Umsatz im nächsten Quartal herkommen soll. Oder wenn man ein Vorstellungsgespräch hat und man sich Sorgen darüber macht, dass der Lebenslauf nicht wie aus dem Lehrbuch ist. Oder wenn man sich vor lauter Sorge um ein auskömmliches Leben im Alter eine Immobilie zulegt, weil man irgendwo gehört hat „Da hast Du was Sicheres.“ und gerade so viele Menschen eine Immobilie kaufen; so wird man leicht für die nächsten 20 Jahre zum Sklaven des eigenen Tilgungsplans. Sehr beliebt ist auch die Sorge, was denn andere von einem denken könnten, wenn man eine bestimmte Entscheidung umsetzt. Ebenfalls sehr häufig kommt auch das Gedankenkarussell vor, was alles passieren könnte, dass etwas nicht 100% perfekt wird. Zukunftsorientiertes Denken, die Fähigkeit strategisch vorzugehen, war in der Evolution mal ein echter Vorteil für die Gattung Mensch. In der heutigen komplexen Welt kann strategisches Herumdoktern jedoch schnell zum energiefressenden Bumerang werden. Wenn das nächste Mal das Sorgentelefon klingelt: Einfach nicht rangehen und klingeln lassen.

DER RÜCKSPIEGEL DER VERGANGENHEIT
Wenn man seine Gedanken um negative Erlebnisse kreisen lässt, dann lebt man gedanklich in der Vergangenheit. Menschen machen dies besonders gerne, wenn sie die Konsequenzen einer getroffenen Entscheidung bedauern oder wenn sie den Groll über eine erlittene Verletzung kultivieren. In diesem Sinne wird vergangenheitsorientiertes Denken unproduktiv, wenn man sich entweder über sich selbst oder über andere nachhaltig ärgert. Ein kurzzeitiger Ärger kann produktiv sein, weil er Veränderungsenergie freisetzt.
Ebenfalls populär ist das Bedürfnis, das Warum vergangener Erlebnisse zu verstehen zu wollen. Eine ausgeprägte Reflexionsbereitschaft kann sehr wertvoll sein; die Frage ist nur, ob man in seinem Leben weiterkommt, wenn man sich in der Analyse vergangener Ereignisse wie ein Terrier festbeißt – denn der Drops ist gelutscht. Ein konstruktiver Rückblick kann einen dabei unterstützen, mögliche Ursachen für Ergebnisse zu erkennen und etwas aus der eigenen Vergangenheit zu lernen. Wenn man spürt, dass der Rückspiegel wieder eine übermäßig magische Anziehungskraft ausübt, dann ist es am einfachsten, einfach nicht hinzuschauen und auf den Verkehr im Hier und Jetzt achten.

ÜBERMÄßIGES DENKEN FÜHRT ZUR GEFÜHLSVERMEIDUNG
Der Mensch hat wie ein Notebook nur eine begrenzte Verarbeitungskapazität. Die Aufmerksamkeit, die man der Vergangenheit und/oder der Zukunft widmet, steht für die Gegenwart nicht zur Verfügung. Menschen fühlen sich tendenziell lebendig und glücklich, wenn die unmittelbare Erfahrung des Augenblicks auf sich wirken lassen und genießen können. Vermutlich erfreuen sich deshalb Yoga, Meditation und andere Achtsamkeitsangebote wachsender Beliebtheit. Sie alle haben das Ziel, Denken und Fühlen in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen. Denken ist überwiegend auf Problemerkennung ausgerichtet. Denkt man zu viel ist zu wenig Platz für emotionale Empfindungen, die die Quelle von echter Lebendigkeit und Leichtigkeit sind, nach der sich viele Menschen sehnen. Übermäßig in der Vergangenheit und/oder Zukunft zu herumzudenken, ist häufig eine Art Schutzschild, der einen davor bewahrt, Zugang zu seinen Gefühlen zu bekommen. Denn Gedanken kreieren die Illusion, dass man sie steuern kann; die Illusion ist umso ausgeprägter, je weiter man den Deckmantel der Vernunft ausbreitet. Gefühle haben etwas Unkontrollierbares, Archaisches an sich, fühlen sich häufig unvernünftig an. Insbesondere Gefühle wie Angst, Trauer, Ärger, Scham, Verachtung und Neid sind in unserer Gesellschaft häufig negativ belegt, stehen auf der emotionalen Terrorliste und lassen sich durch intensives Herumdenken wunderbar vermeiden - weil dann kein Platz mehr für sie ist. Das ist auf Dauer nicht gesund und kann zu Burnout &Friends führen.
 
GEDANKEN SIND EINE BEWERTUNGSMASCHINE
Denken wird dann zur kognitiven Falle, wenn man mit seinen Gedanken verschmilzt (Fusion). Man merkt dann nicht mehr, dass Gedanken eben nur Gedanken sind, sondern man nimmt sie als unumstößliche Wahrheit an. Dies ist die erste Bewertung. Die zweite Bewertung ist, welche Bedeutung man dieser vermeintlichen Wahrheit beimisst. In der Rückschau erkennen Gedanken gerne Fehler und bewerten sie: „Du hast etwas falsch gemacht und bist daher falsch.“ oder „Der andere ist schuld und daher falsch.“ Auf die Zukunft gerichtet erkennen Gedanken gerne Gefahren, die häufig dazu führen, dass wir uns selbst oder anderen etwas nicht mehr zutrauen. Je mehr man versucht, seine Gedankenwelt in den Griff zu bekommen, umso mehr fusioniert man mit ihr – und wird letztlich von ihr beherrscht.

AUFMERKSAMKEIT UND AKZEPTANZ
Das kann man alles so machen, muss man aber nicht. Diese zwei Schritte können im Alltag helfen:

1. Aufmerksamkeit verschieben
Wenn Dein Bewusstsein wächst, dass Du Deinem Sorgentelefon zu viel Aufmerksamkeit schenkst, Dir ausufernde Sorgen um ungelegte Eier machst und Du intuitiv spürst, dass Du aktuell eh keinen großen Einfluss auf das Ergebnis hast, dann lass das Sorgentelefon einfach klingeln und richtige Deinen Fokus auf die Dinge im Hier und Jetzt aus, die Dir guttun. Die Sorge kannst Du pädagogisch wertvoll durch Wachsamkeit und die Maxime ersetzen, dass Du die Herausforderung dann annimmst, wenn sie tatsächlich relevant wird. Beim manischen Blick in den Rückspiegel ist es ähnlich: Lasse die Vergangenheit Vergangenheit sein und erinnere Dich daran, dass Du JETZT lebst.

2. Akzeptanz zulassen
Akzeptanz meint nicht passives Erdulden, devotes Hinnehmen oder fatalistische Demut, sondern sich selbst, die eigene „Geschichte“, die aktuellen Lebensumstände und seine Gefühle wertungsfrei anzunehmen. Akzeptanz heißt, sich aktiv mit den Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Sie ist das Gegenteil von Vermeidung. Auf die Zukunft gerichtet führt Akzeptanz dazu, dass man Vertrauen in den Lauf der Dinge (engl. faith), in sich selbst und in andere Menschen hat. Richtet man sich innerlich auf Vertrauen aus, dann ist es leichter, eine lösungsorientierte Perspektive einzunehmen und nicht mehr in Problemen zu denken. Auf die Vergangenheit bezogen führt Akzeptanz dazu, dass man loslässt und sich nicht mehr von den alten Echos von den vielfältigen Möglichkeiten im Hier und Jetzt abhalten lässt. Akzeptanz bedeutet zudem, sämtliche Bewertungen einfach sein zu lassen und die Dinge aus einer beobachtenden Perspektive so zu nehmen wie sie sind. In diesem Sinne bedeutet Akzeptanz zu vertrauen und loszulassen.

Im Ergebnis kannst Du Dir so Dein Leben nachhaltig einfacher und leichter machen.

 

Von Ilja Rep, Coach für Liebe, Freiheit und Abenteuer, Veranstalter von FÜhR DEIN LEBEN.

„Den Knall, den man selber hat, hört man meist nicht.“

Doc Happinez