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Auf der Flucht vor der Liebe oder vor sich selbst

30.Aug 2015

Die meisten Menschen sehnen sich nach emotionaler Nähe und Verbundenheit. Eine feste Paarbeziehung erscheint häufig als die naheliegende Erfüllung für diese Sehnsucht. Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum kommt zu dem Ergebnis, dass gebundene Personen tatsächlich tendenziell glücklicher sind als Singles (4,7 gegenüber 3,9 auf einer 6-stufigen Skala) – unter der Annahme, dass erlebte Nähe zur Lebenszufriedenheit beiträgt. Die Studie stellte zudem fest, dass Singles eher Beziehungsängste haben als Gebundene und sie diese Ängste davon abhalten, sich auf eine Beziehung einzulassen. Die spannende Erkenntnis ist, dass eben auch Gebundene Beziehungsängste haben und vor der Nähe fliehen, nach der sie sich „eigentlich“ sehnen. Manche rennen innerlich so schnell weg, dass dagegen selbst Forrest Gump wie eine Schnecke wirkt.
Dieser Blogbeitrag bietet wertvolle Einsichten in die komplexe Funktionsweise der menschlichen Seele in Beziehungen. Dabei geht er drei Fragen auf den Grund:

1. Was tun Menschen alles – häufig auch noch mit großer Leidenschaft –, um Nähe und damit ihr Glück zu vermeiden?
2. Warum befinden sie sich überhaupt innerlich auf der Flucht?
3. Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es, um nicht mehr vor der Liebe davonlaufen zu wollen?

So bietet dieser Beitrag Singles wie Gebundenen Inspirationen für eine Abkürzung auf ihrem Weg zu einem zufriedenen Leben. Doch bevor es soweit ist, muss der Leser seinen Weg durch das Gruselkabinett der beliebtesten Fluchtreflexe finden. Viel Vergnügen in der Geisterbahn der Liebe.

BINDUNGSANGST
Das Glück von Paarbeziehungen leidet darunter, wenn mindestens einer der Beteiligten von Bindungsängsten geplagt wird. Natürlich gibt es noch andere Ursachen für den Frust zu zweit; hier geht es nur um die Bindungsangst. Davon gibt es zwei Ausprägungen: Zum einen die misstrauische Befürchtung, vom anderen nicht geliebt und zurückgewiesen zu werden; diese Angst führt dazu, dass ein sehr hohes Ausmaß an partnerschaftlicher Nähe angestrebt wird. Zum anderen das Gefühl, Unbehagen in Situationen emotionaler Nähe zu empfinden und diese daher zu vermeiden. Kurzum: Bindungsangst entsteht entweder aus der Angst vor Zurückweisung oder aus der Angst vor Einengung. Übrigens: Manche Menschen geben sich der Illusion hin, sie hätten keine Bindungsängste, weil sie ja verheiratet sind oder Kinder haben.

GARANTIE ZUM UNGLÜCKLICH SEIN
Auf den ersten Blick wirkt es widersprüchlich: Warum verbarrikadieren sich manche Menschen so sehr in sich selbst und in ihrer eigenen Welt, um dann unter ihrer Einsamkeit zu leiden? Warum geht jemand eine feste Beziehung ein, wenn er doch Angst vor der emotionalen Bindung hat, die mit einer Beziehung daherkommt? Das sieht von außen betrachtet wie der misslungene Versuch einer Konfrontationstherapie aus. Sie ist bei vielen Lebensthemen sehr wirkungsvoll, wenn man sich bewusst Situationen aussetzt, die einen mit seiner Angst konfrontieren, weil man so lernt, stärker als die Angst zu sein und die Befürchtungen des Kopfkinos als Hirngespinste zu entlarven. In manchen Fällen mag das funktionieren, meist schreibt sich jedoch nur eine unendliche Geschichte fort, die bisweilen sogar masochistisch anmutet. Warum um Himmels Willen tun sich Menschen so etwas selbst (!) an?

SCHUTZ DURCH ANGST
Angst ist ein evolutionspsychologisches Ursprungsgefühl. In der Entwicklungsgeschichte des Menschen war es von entscheidendem Vorteil, seine Umwelt eher übervorsichtig wahrzunehmen und sich ängstlich durch unbekanntes Terrain zu bewegen. Hinter dem nächsten Busch könnte ja ein gefährlicher Säbelzahntiger lauern. In diesem Sinne war Angst einmal ein Überlebenselixier. Eine Beziehung erscheint bisweilen auch wie ein unbekanntes Terrain. In der heutigen industrialisierten Leistungsgesellschaft lauern aber keine Säbelzahntiger mehr hinter jeder Ecke. Dieses tief sitzende Bedürfnis nach Angstvermeidung durch Sicherheit und Schutz passt nur noch sehr bedingt zu den Anforderungen, die das moderne Leben an Menschen stellt, z.B. sich entspannt auf eine Beziehung einzulassen. Hier kommt auch der vermeintliche Verstand ins Spiel, den man auch als „Problemerkennungsgerät, chronischen Schwarzseher oder Den-Teufel-an-die-Wand-Maler“ bezeichnet. Dieses gedankliche Probleme Wälzen in Kombination mit der Angst als archaisches Erbe unserer Vorfahren kann dazu führen, dass man sich Unbekanntes in apokalyptischen Endzeitphantasien ausmalt und sich wie gelähmt in seiner Komfortzone verkriecht. Wenn man sich seinen sorgenvollen Gedanken hingibt, verwechselt man unbewusst schnell eine echte Bedrohung von Leib und Leben mit „nur“ unerwünschten möglichen Ereignissen. Man wünscht sich einen emotionalen Vollkasko-Schutz, den es nicht gibt.
Angst im ursprünglichen Sinne hat demnach eine Schutzfunktion und ist in wirklich bedrohlichen Situationen ein wertvoller Impulsgeber. Aber warum will man sich in einer Beziehung vor der Liebe schützen? Was ist an der Liebe so bedrohlich?

DREI REAKTIONEN VON ANGST
Was passiert, wenn man Angst hat? Angst entsteht aus einer vermuteten Bedrohung heraus und aktiviert den Überlebensinstinkt, sich schützen zu wollen und die Bedrohung abzuwehren. Man möchte Verletzungen vermeiden. Angst zeigt sich in physiologischen Symptomen wie kurzzeitige Lähmung, Schweißausbrüche und Herzklopfen – manchmal dreht sich einem auch der Magen um. Das Angstgefühl löst drei typische Reaktionsmuster aus: Flucht, Angriff oder Totstellen. Dieser Beitrag beleuchtet ausschließlich die beliebtesten Fluchtreflexe – aufbereitet als Gruselkabinett. Die eine Hälfte dieser Fluchtreflexe sorgt dafür, dass man einfach keine Zeit mehr für die Liebe übrig hat. Die andere Hälfte beschreibt, wie man seine Gefühle selbst austrocknet oder ertränkt. Bereit für die Geisterbahn der Liebe?

„Nichts verdirbt uns mehr, als das stille Flieh‘n vor uns selber.“
Johann Kaspar Lavater, 1741-1801, Theologe & Schriftsteller

DAS GRUSELKABINETT DER BELIEBTESTEN FLUCHTREFLEXE
Flucht in die Zukunft: Den Satz „Ich bin noch nicht soweit.“ hört man häufig, wenn es ums Zusammenziehen oder gemeinsame Kinder geht. Der Nutzen ist offensichtlich: Man muss sich nicht festlegen und hält sich alle Optionen offen, ohne klar Farbe bekennen zu müssen. Und indirekt schiebt man dem Partner die Verantwortung dafür zu, sich für eine gemeinsame Zukunft anzustrengen, damit man irgendwann endlich bereit ist.

Flucht in die „Freiheit“: Manche beenden eine Beziehung einfach. Damit ist das Problem vordergründig gelöst, denn die Beziehung existiert nicht mehr und man muss sich nicht mehr einlassen. Bald steht die nächste Beziehung vor der Tür und das Drama beginnt aufs Neue. Enjoy!

Flucht in Arbeit: Immer wieder gerne genommen wird der Notausgang, auf dem „Arbeit“ steht. Man macht dem Arbeitgeber oder dem Kunden seine Grenzen nicht deutlich, zeigt sich bei der Arbeit sehr engagiert und erhält als Belohnung vermutlich auch noch Anerkennung für sein aufopferungsvolles Engagement am Arbeitsplatz. Das Totschlagargument lautet entweder „Ich muss das für meine Karriere machen.“ oder „Von irgendetwas müssen wir noch leben!“ Führungskräfte bauen gerne noch einen zusätzlichen moralischen Druck auf: „Ich würde ja gerne früher nach Hause kommen, aber ich trage die Verantwortung für meine Mitarbeiter.“

Flucht in Hobbys: Hobbys von der Musik über Haustiere bis hin zum Sport können wie die Arbeit eine wirksame Beschäftigungstherapie sein, um Nähe und traute Zweisamkeit zu vermeiden. Zu dieser Kategorie oder zur Arbeit gehört auch ein ausgeprägter Ordnungssinn: Man ist so sehr damit beschäftigt, Ordnung zu halten und den Haushalt zu machen, dass man keine Zeit mehr für nahe und intime Momente hat. Und wenn doch, dann ist man müde.

Flucht in Müdigkeit: „Ich fühle mich gerade für … zu müde.“ ist ein sehr beliebter Vorwand, um Distanz herzustellen.

Flucht in die Kinder: „Wir müssen uns doch um die Kinder kümmern.“ ist auch eine häufig verbreitete Strategie, um Nähe in der Partnerschaft zu vermeiden. Dieses Argument ist sehr mächtig, weil es moralisch so wertvoll klingt. Es gibt sogar Menschen, die sich hinter der Aussage „Wenn man Kinder hat, hat man kein Recht mehr auf eigene Bedürfnisse.“ verstecken.

Flucht in Krankheit: Die Krankheit muss nicht gleich lebensbedrohlich sein, auch eine Blasenentzündung, Kopfweh oder Rückenschmerzen sind wirkungsvolle Begründungen, warum ein dezenter Rückzug gerade mal wieder angebracht ist.

Flucht in eine Fernbeziehung: Manche suchen unbewusst sehr zielstrebig nach Partnern, mit denen auf absehbare Zeit nur eine Fernbeziehung möglich ist. In diesem Fall bieten die äußeren Umstände einen wirksamen Schutz dagegen, sich wirklich aufeinander einzulassen. Am Leben gehalten werden solche Konstrukte häufig mit der Sehnsucht, die nach jedem Treffen aufs Neue wächst.

Flucht in eine Außenbeziehung: Der beliebte Evergreen unter den Möglichkeiten, sich kreativ von der Herausforderung „echte Nähe in der Paarbeziehung“ abzulenken. Häufig ist Untreue ein Symptom und nicht die Ursache eines Beziehungsproblems.

Flucht in eine Dreiecksbeziehung: Manche Menschen fühlen sich von gebundenen Menschen magisch angezogen. Wenn man sich konsequent mit der Rolle des/der Geliebten abfindet, stellen sich bestimmte Fragen der Nähe und Verbundenheit nicht. So kann man wunderbar dauerhaft vermeiden, sich wirklich einzulassen. Manche erleben dabei jedoch eine echte Überraschung: Hat eine Beziehung nur einen Affärenstatus, dann hat man meist nichts zu verlieren, weil ja mit ca. 90% Wahrscheinlichkeit eh nichts daraus werden kann. Dadurch entsteht das befreiende Gefühl, dass man nichts zu verlieren hat. Das ermöglicht es einem, sich offen, echt und mutig zu verhalten, was wiederum meist äußerst attraktiv wirkt. Und ehe man sich’s versieht, verleibt man sich – und dann hat man den Salat, den man ja eigentlich vermeiden wollte.

Flucht in die Ignoranz: Man kann seine Bindungsangst sehr wirkungsvoll entspannen, wenn man sich dem konstruktiven Dialog einfach verweigert. Meist ist es der Partner, der sagt: „Schatz, lass uns über uns und unsere Beziehung reden.“ Gefühle ins Lächerliche zu ziehen, dem anderen etwas zu unterstellen, auf Argumente nicht einzugehen oder den Blickkontakt abzubrechen sind bewährte kommunikative Ausweichtechniken.

Flucht ins Schwammige: Dieser Flucht liegt an der Angst, dass man die Wahrheit nicht hören möchte, weil man intuitiv bereits ahnt, welche Antworten man hören wird.

Flucht in die Askese: Körperliche Nähe bedeutet meist eine besondere Intimität und ist häufig Ausdruck einer tiefen Verbundenheit. Manche versuchen den anderen emotional auf Distanz zu halten, indem sie sich sexuell zurückhalten, so gut wie nie die Initiative ergreifen oder sogar weitgehend verweigern. Die formale Begründung „habe ich eben keine Lust drauf“ hört sich irgendwann wie ein Kratzer auf einer Schallplatte an und hält den anderen schön auf Distanz. Um bloß nicht in die Verlegenheit zu kommen, Sex haben zu „müssen“, wehren manche sogar jede romantische Geste ab und reagieren auf jeden noch so oberflächlichen Annäherungsversuch (z.B. Blickkontakt, Händchenhalten, Streicheln) mit entschiedener Ablehnung.

Flucht in den Sex: Man sollte es kaum für möglich halten, doch man kann auch dadurch Nähe vermeiden, indem man der Sexualität einen so hohen Stellenwert einräumt, dass man dadurch das Entstehen echter Nähe und Verbundenheit vermeidet. Das gilt für Singles, die Partner wie Panini-Bilder sammeln wie für Paare, die lieber Zeit im Bett miteinander verbringen als offen und ehrlich miteinander zu reden. Das Problem an dieser Vermeidungsstrategie ist, dass sie meist viel Spaß macht und der gefühlte Preis sehr hoch ist, an dieser stillschweigenden Übereinkunft etwas zu ändern.

Flucht in Alkohol und Drogen: Man kann sich das Leben schön saufen/kiffen oder seine Gefühle dermaßen betäuben, dass es einem irgendwann nicht mehr auffällt, wie einsam man eigentlich ist – selbst in einer langjährigen Partnerschaft.

„Wie oft rennen wir davon, bis wir merken, dass wir uns stehengelassen haben.“
Anke Maggauer-Kirsche, geb. 1948, Lyrikerin

URSACHENFORSCHUNG
Diese Fluchtstrategien sind nicht gut oder schlecht. Sie sind menschlich. Sie sind einfach da. Für jedes menschliche Verhalten gibt immer mindestens einen guten Grund, sonst täte man es ja nicht.

Eine unerwartete Zwischenreflexion: Schaue Dir die vorstehenden Fluchtmöglichkeiten an. Welche dieser Strategien verwendest Du selten, ab und zu, manchmal, häufig oder sogar andauernd, um wirkliche Nähe zu vermeiden? Wenn Du jetzt denkst, dass Du das NIE tust, dann ist vermutlich Dein Problem, dass Dein geringer Selbstwert es Dir nicht erlaubt, Dir selbst gegenüber ehrlich zu sein.

Die Angst vor Verletzungen und das damit einhergehende Schutzbedürfnis ist der häufigste Grund für die Liebesflucht. Ein überausgeprägtes Machtbedürfnis kann diesen Impuls noch verstärken. Dann ist das Bedürfnis, die Dinge nach seinen Vorstellungen zu beeinflussen, so stark, dass man den anderen lieber auf Distanz hält, damit das in einem innewohnende Alphatier nicht weichgekuschelt wird. Auch Sex ist ein beliebtes Instrument der Macht – sowohl in der quantitativen Dosierung (den Hahn auf- oder zudrehen) wie auch in den verschiedenen Spielarten der qualitativen Ausübung (man kann den ganzen Tag gemeinsam im Bett verbringen und trotzdem keine Nähe zulassen). Macht macht vielen Menschen Spaß. Sie ist nicht per se schädlich. Bedenklich wird es nur dann, wenn Macht zum Selbstzweck wird.
Eine andere Ursache liegt in einem überausgeprägten Perfektionismusfimmel. Wer oder was ist schon objektiv gesehen perfekt? Der Wunsch, den perfekten Partner, die/den Richtige(n) zu finden, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Mit einem übertriebenen Anspruchsdenken setzt man nicht nur sich selbst, sondern auch den Partner unter einen lähmenden Erwartungsdruck. Zu dieser Kategorie zählt auch die romantische Verklärung, wenn man sich nach einer Bilderbuch-Beziehung sehnt, wie man sie jahrelang über Rosamunde-Pilcher-Filme, Hollywood-Schmonzetten oder Bollywood-Märchen als Beziehungsideal eingetrichtert bekommen hat. Die fatale Falle ist: Solange sich eine Beziehung nicht perfekt anfühlt, lässt man sich nicht wirklich auf den Partner und eine gemeinsame Zukunft ein, wodurch sie die Beziehung wiederum noch unperfekter anfühlt.

Eng verbunden mit dem Streben nach Perfektion ist der soziale Vergleich: Menschen sind süchtig danach, sich mit anderen zu vergleichen (Klassentreffensyndrom). Menschen betrachten die Fassade anderer Beziehungen und ziehen daraus ihre Schlüsse, wie gut es denen wohl gehen mag. Dann schaut man auf seine eigene Beziehung an, die einem auf einmal jämmerlich vorkommt und meint gefrustet, sich auf sowas besser nicht wirklich einzulassen. Halbherzig reicht auch. Dass es hinter der Fassade meist anders aussieht, als es von außen erscheint, spielt keine Rolle mehr, wenn man einmal in diese Frustspirale eingetaucht ist.

„Eine Ehe ist wie ein Restaurant besuch: Man denkt immer man hat das Beste gewählt, bis man sieht, was der Nachbar bekommt.“
Bernd Stelter, geb. 1961, Fernseh-Comedian

Auch eine geringe Konfliktbereitschaft kann dazu führen, dass der Fluchtinstinkt noch verstärkt wird. Manche Themen müssen erst einmal im Dialog geklärt werden. Das funktioniert nur dann, wenn man bereit ist, sich auch gegensätzliche Standpunkte anzuhören und die Spannung auszuhalten. Manchen Menschen fällt dies sehr schwer. Sie ertränken lieber alles in Harmoniesoße und nutzen das Potenzial des reinigenden Gewitters nicht. Sehr gefährlich ist, dass diese oberflächliche Harmonie sich so anfühlt, als ob alles in Ordnung wäre. Dabei ist eine lösungsorientierte Streitkultur DER Erfolgsfaktor für eine glückliche Beziehung.

„Ich weiß wohl, vor wem ich fliehen soll, aber nicht zu wem.“
Marcus Tullius Cicero, 106-43 v.Chr., römischer Redner und Staatsmann

WURZELBEHANDLUNG
Ursachen müssen an ihrer Wurzel behandelt werden. Der wesentliche Impuls für die Flucht kommt aus der Angst. Die Angst vor einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt ist ja noch nachvollziehbar. Doch woher kommen die Ängste in Beziehungen? Eine wirkliche Bedrohung von Leib und Leben liegt ja nicht vor. „Schlechte“ Lebenserfahrungen haben den größten Einfluss: Mal wurde man rücksichtslos betrogen oder fies per SMS abserviert. Mal wurden liebevolle Gesten barsch abgeblockt. Mal wurde man von seiner großen Liebe wüst beschimpft, beleidigt, massiv abgewertet oder mit Verachtung gestraft. Aus dem Gefühl der Ablehnung heraus nimmt man solche negativen Erlebnisse schnell persönlich. Wiederholte Erinnerungen an erlebte Verletzungen „stärken“ das Schutzbedürfnis. Da sich solche Erlebnisse nicht schön anfühlen, möchte man sie selbstverständlich vermeiden. So baut man im Hier und Jetzt lieber einen undurchdringlichen Schutzwall. Dann wird man zwar nicht verletzt (Ziel erreicht), doch echte Nähe, Liebe und Verbundenheit können so nicht entstehen (traurige Nebenwirkung).
Spult man weiter zurück, kommt man bei den kindlichen Prägungen an: Wie haben meine Eltern Nähe und Liebe vorgelebt? Welche Machtkämpfe haben sie ausgefochten? Wie sehr haben sie sich gegenseitig verletzt? Welche Vorwürfe haben sie sich gemacht? Wie offen und ehrlich haben sie diskutiert und lösungsorientiert gestritten? Wie stabil ist ihre Beziehung gewesen? Und was von alledem ist unbemerkt Teil meines Autopiloten in Sachen Liebe und Beziehungen geworden? Was davon bringt mich in meinem Leben heute weiter? Und was davon funktioniert für mich nicht?

Dies sind Beispiele für den Umgang der Eltern untereinander. Doch auch ihr Umgang mit einem selbst prägt das Verständnis von Liebe und Nähe im Erwachsenenalter: Hatte ich mich von ihnen 100% angenommen oder laufend kritisiert gefühlt? Hatte ich das Gefühl, gewollt zu sein? Durfte ich frei meine Meinung sagen? Was habe ich der Umgang mit Gefühlen gelernt (v.a. Zugehörigkeit, Angst, Trauer, Scham, Ärger)? Standen bestimmte Gefühle auf einer offiziellen oder imaginären Verbotsliste? Wie liebevoll sind meine Eltern mit mir umgegangen (Worte, Kuscheln etc.)? Waren sie so übersorglich, dass ich das Gefühl hatte, zu ersticken? Und vor allem: Was hat meine Beziehung zu dem Elternteil mit dem von mir verschiedenen Geschlecht wesentlich geprägt?

Diese Erfahrungen bestimmen maßgeblich das eigne Beziehungskonzept und damit auch die Vorstellungen über Nähe, Liebe und Verbundenheit. Aus den beschriebenen Erfahrungen können auch konkrete Glaubenssätze entstehen wie „Liebe tut weh.“, „Liebe engt ein.“, „Ich bin nicht gut genug.“ oder „Ich bin nicht liebenswert.“ Diese Glaubenssätze sind auch Teil des emotionalen Autopiloten, der das menschliche Verhalten im Hier und Jetzt maßgeblich beeinflusst.

„Erkennen heißt: Alle Dinge zu unserem Besten verstehen.“
Friedrich Nietzsche, 1844-1900, Philosoph

LOHNT SICH EINE VERÄNDERUNG ÜBERHAUPT?
Da der Mensch nichts ohne Grund tut und jedes Verhalten immer einen subjektiven Nutzen hat, haben auch die Flucht- und Einmauerstrategien einen Nutzen, selbst wenn der Preis sehr hoch ist. Somit funktioniert die Liebesflucht „irgendwie“. Vermutlich entsteht der Nutzen aus dem Bedürfnis nach Schutz, aus dem tiefen Wunsch, weitere Verletzungen zu vermeiden. Wer es wirklich ernst meint, nie verletzt zu werden, der kann nur einsam in seiner Privathöhle wohnen. Wenn man es überhaupt nur in Erwägung ziehen möchte, seine Liebesflucht aufzugeben, dann ist eine unabdingbare Voraussetzung dafür, den attraktiven Nutzen der Liebesflucht aufzugeben und bereit zu sein, verletzlich zu sein. Echte Liebe ist mit einer emotionalen Vollkaskomentalität nicht möglich.

„Als Kinder haben wir gedacht, dass wir als Erwachsene nicht länger verletzlich sein würden, aber zum Erwachsenwerden gehört es, Verletzlichkeit zu akzeptieren. Zu leben bedeutet, verletzlich zu sein.“ Madeleine Lange

Neben dem übertriebenen Schutzbedürfnis gibt es noch zwei weitere Nutzen der Liebesflucht, die man loslassen muss, wenn man denn frei und glücklich sein will. Zum einen verbirgt sich hinter dem Schutzbedürfnis auch eine Opferhaltung. Denn man fühlt sich als Opfer hilflos gegenüber einer Bedrohung von außen; dabei existiert diese Bedrohung in den allermeisten Fällen nicht real, sondern nur in der Phantasie. Sie ist nur ein schales Echo vergangener Erlebnisse. Trotzdem baut man Mauern, die die Mauern von Jericho wie kleine Sandhaufen aussehen lassen. Dieses latente Herumopfern stößt auch das Tor zu einem anderen Nutzen der Liebesflucht auf: Wer sich tendenziell als Opfer sieht, der neigt auch dazu, anderen Menschen die Schuld zu geben. Häufige Vorwürfe sind ein Indiz für dieses Phänomen. Das ist sehr praktisch und bequem, denn wenn die anderen schuld sind, muss man ja selbst keine Verantwortung mehr übernehmen. Selbstverantwortung ist vor allem in der Entstehungsphase anstrengend. Jeder Mensch opfert mal gerne herum. Für einen kurzen Augenblick kann man das auch machen. Wenn man nicht aufmerksam ist, findet man nicht mehr den Weg in die Selbstverantwortung zurück und bleibt so auf ewig Gefangener seiner Vergangenheit.

Die Motivation, sein (übertriebenes) Schutzbedürfnis loszulassen, kann nur entstehen, wenn man sich folgende Überlegungen ins Bewusstsein ruft: Welchen Nutzen habe ich wirklich, wenn ich vor Nähe fliehe? Wie viel von diesem Nutzen existiert ausschließlich in meiner Phantasie? Welchen Preis zahle ich tatsächlich dafür? Und welchen Preis zahlen andere Menschen, die ich „eigentlich“ liebe, dafür, wenn ich immer wieder auf der Flucht bin? Und wie schlimm ist es wirklich, wenn ich mich mal emotional verletzt fühlen sollte?
Es hat sich in der Praxis als hilfreich herausgestellt, die Antworten auf diese Fragen nicht nur zu denken, sondern zu fühlen. Wem das noch nicht reicht, den kann dieser Warnhinweis ermutigen: Wenn man Nähe vermeidet, leidet das Einfühlungsvermögen darunter. Man stumpft emotional ab und zieht sich bevorzugt ins Denken und/oder in Aktionismus zurück. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er wirklich so „leben“ will.

Auch ein Blick auf die mittel- bis langfristigen Konsequenzen einer Nähe-Vermeidungsstrategie kann Veränderungsenergie freisetzen: Davonlaufen hilft meist für eine Weile. Über kurz oder lang holt einen genau das ein, wovor man sich auf der Flucht befindet. So gesehen kann man die Flucht auch gleich bleiben lassen und sich seinen Herausforderungen jetzt stellen.

MUT TUT GUT
Die ersten Lösungsansätze sind bereits skizziert worden, doch was kann man nun konkret tun?

1. Erkennen: Am Anfang steht die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, wie häufig man zu welchen Formen der Liebesflucht neigt. Die Wahrheit holt einen eines Tages eh ein...es liegt an einem selbst ob als Freund oder Feind.

2. Nutzen und Kosten transparent machen: Ein unvoreingenommener Blick auf Nutzen und Kosten der Liebesflucht sortiert das innere Spielfeld. Um die Nutzenkategorien zu demaskieren, die nur in der eigenen Phantasie bestehen, braucht man einen besonders scharfen und ehrlichen Blick. Um den wahren Preis für seine Liebesflucht wirklich wahrzunehmen, braucht man einen offenen Zugang zu seinen Gefühlen. Eine Kurzmeditation (ruhiges Ambiente, Augen schließen, tiefe Atemzüge) kann die Tür zur eventuell verborgenen Gefühlswelt zumindest einen Spalt breit öffnen. Wenn man erkennt, dass man sich die emotionale Wüste über viele Jahre selbst als Reiseziel ausgesucht hat, dann kommen häufig Gefühle wie Schmerz (selbst geschaffene Einsamkeit tut weh), Trauer (einen Verlust verarbeiten und loslassen) und Ärger (Unzufriedenheit zulassen) hoch. Das kann eine sehr intensive Erfahrung sein. Eventuell kann einen eine externe Unterstützung diesen Prozess erleichtern. Der ehrliche Blick auf die wahren Kosten und Nutzen der Liebesflucht lassen schließlich die Bereitschaft wachsen, etwas an seiner Situation zu verändern.

3. Akzeptieren: Akzeptiert man seine Vergangenheit und all die erlebten Verletzungen als das, was sie sind, nämlich vergangen, dann kann das einen sehr heilsamen Versöhnungsprozess in Gang setzen. Unverzichtbar ist für echte Akzeptanz, seinen Groll gegenüber denjenigen loszulassen, die einen mal verletzt hatten. Das geht am einfachsten über Vergebung. Angenehmer Nebeneffekt: Man lässt die Opfernummer sein. Dieser Punkt ist üblicherweise derjenige, der einen am meisten herausfordert, denn häufig kommen an dieser Stelle Gedanken hoch wie „Aber wie soll ich denn so einem A-Loch vergeben?“ Die Antwort ist verblüffend einfach: Indem man es einfach tut und man die Nase voll davon hat, jenem A-Loch auch heute noch Macht über sein Leben einzuräumen. Die Akzeptanz ermöglicht es einem auch, dass die Dramaqueen/der Dramaking in einem endlich die Klappe hält. Wenn man sie/ihn sprechen lässt („Ach, das war aber auch wirklich schlimm, was mir da passiert ist…gaaaaanz schlimm.“), dann lebt man in einer traumhaften Villa in der Opferallee. Es ist ja auch eine attraktive Wohnlage: Viel Aufmerksamkeit und die anderen sind immer schuld. So landet man wieder bei Schritt 2 „Nutzen und Kosten transparent machen“. Das geht solange hin und her, bis man wirklich reif für die Liebe ist. Dafür muss man akzeptieren, dass man verletzlich ist, erst recht als Liebender. Das ist eben so und fertig.
Mit Akzeptanz kann man übrigens auch ein übertriebenes Anspruchsdenken entspannen: Man will dann nicht mehr die/den Richtige(n), sondern einen passenden Menschen finden. Ja genau, EIN passender Mensch reicht schon. Und wenn der dann da ist, akzeptiert man ihn. Akzeptanz lässt alle Bewertungsraster verschwinden. Man lässt es einfach bleiben, in schwarz-weißen Mustern von richtig und falsch zu denken. Dadurch ist man überhaupt erst in der Lage, den anderen so anzunehmen, wie er ist – und echte Nähe zu empfinden.

4. Entscheiden: Man entscheidet sich einfach, im Hier und Jetzt und nicht mehr in der Vergangenheit leben zu wollen. Man lässt den eingebildeten Nutzen der Liebesflucht los und geht das Risiko ein, verletzlich zu sein. Bei manchen kommt jetzt der Gedanke hoch „Aber kann doch nicht so einfach sein, dass man einfach eine Entscheidung trifft.“ Doch, man kann sich das Leben auch leicht und einfach machen.

5. Vertrauen: Jetzt kommt die Versiegelung für stürmische Zeiten. Vertrauen wirkt sehr erleichternd, weil die Notwendigkeit nach zusätzlichem Schutz verschwindet. Das Vertrauen erwächst aus der Erkenntnis, dass man nicht so verletzlich ist, wie man mal von sich gedacht hat. Wenn man sich nicht so verletzlich und angreifbar fühlt, dann erleichtert das wiederum die Vertrauensbildung. Und wenn man mal verletzt wird, dann kriegt man das schon irgendwie geregelt. Wenn man vertraut, dann vertraut man auch darauf, im Bedarfsfall selbst für sich sorgen zu können. Ein weiterer angenehmer Nebeneffekt des Vertrauens ist, dass man Verantwortung abgeben kann, weil man nicht mehr alles kontrollieren muss. Der Prozess ist ähnlich wie beim religiösen Glauben.

6. Mutig sein: Nena sang einst „Liebe wird aus Mut gemacht, denk nicht lange drüber nach.“ Mut entwickelt sich, wenn man die Entscheidung trifft, dass einem etwas anderes wichtiger ist als die Angst.

Diese sechs Schritte bilden einen individuellen Lösungsweg. Sie bieten Perspektiven, wie man mit seiner eigenen Verletzlichkeit klarkommen kann. Dann fällt es einem leichter, souverän zu bleiben und nicht so schnell beleidigt zu sein oder sich angegriffen zu fühlen. Aus der Paarperspektive kommt noch ein siebter Schritt hinzu:

7. Eine lösungsorientierte Streitkultur etablieren: Harmonie um jeden Preis lässt jede Liebesbeziehung abstumpfen. Wenn man seinen Ärger dauerhaft herunterschluckt, löst man erstens keine Probleme und kriegt zweitens Probleme mit dem Magen oder ein anderes Echo seines Körpers zu spüren. Auch der sachlichste Ton kommt irgendwann an seine Grenzen. Es ist wichtig, seine Unzufriedenheit mit was auch immer unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen, sonst hat der andere ja keine Möglichkeit, darauf einzugehen. Auf der anderen Seite liegt die Lösung auch nicht darin, im Streit seine negativen Gefühle unkontrolliert auszuleben, Wut und Aggressionen freien Lauf zu lassen oder den anderen herabzusetzen. Ein Mindestmaß an Empathie für den anderen („Ich sehe Dich und verstehe, was Dir wichtig ist.“) hat in der Regel eine entspannende Wirkung. Bei aller leidenschaftlichen Diskussion kann man Dialogblockaden vermeiden, indem man auf Vorwürfe („Du hast aber…“) konsequent verzichtet und ausschließlich über seine eigenen Bedürfnisse spricht („Mir ist wichtig…“). Dazu hat es sich in der Praxis als hilfreich erwiesen, Lösungsmöglichkeiten erst einmal wertungsfrei zu sammeln, anstatt sie von vornherein abzublocken. Klassische Empfehlungen lauten: Offen (= wertungsfrei) zuhören, respektvoll miteinander umgehen und selbst in der Hitze des Augenblicks immer die Achtung für den anderen bewahren. Als Humor getarnter Zynismus oder Spott haben in einer lösungsorientierten Streitkultur nichts zu suchen.

Die sieben Schritte im Überblick:

1. Erkennen

2. Nutzen und Kosten transparent machen

3. Akzeptieren

4. Entscheiden

5. Vertrauen

6. Mutig sein

7. Eine lösungsorientierte Streitkultur etablieren

In diesem Sinne kannst Du Deine Flucht aufgeben und Dir selbst Asyl geben.

 

von Ilja Rep
Dein Coach für Liebe, Freiheit und Abenteuer

„Den Knall, den man selber hat, hört man meist nicht.“

Doc Happinez